Jagd auf dünnem Eis (Kivalina/Alaska)

Dass man ihn "Eskimo" nennt, "Rohfleischesser", stört Enoch Adams nicht. Viele Ureinwohner Grönlands oder Alaskas lehnen diese Bezeichnung als diskriminierend ab. Enoch aber findet sie ganz zutreffend. Schließlich lebt er, wie alle hier, hauptsächlich von der Jagd. Und wenn er ein Karibu frisch erlegt habe, erzählt er grinsend, beiße er schon mal in dessen rohe Niere. "Das stillt sofort jeden Hunger."

Der 48-Jährige lebt in einer der unwirtlichsten Regionen der Erde, in Alaska. Sein Dorf Kivalina zählt nur 400 Einwohner und liegt 200 Kilometer nördlich des Polarkreises. Dennoch hat es weltweite Aufmerksamkeit erregt: Die Einwohner von Kivalina haben vergangenes Jahr 24 Öl- und Energiefirmen auf Schadensersatz verklagt. Diese würden bewusst irreführende Informationen zum Klimawandel veröffentlichen und vorhandene Technologien nicht nutzen, um den Ausstoß der Treibhausgase zu reduzieren.

"Für andere ist die globale Erwärmung eine Theorie, für uns nicht", sagt Enoch Adams. "Wir haben Angst." Das Häuschen, das er mit seiner Frau und drei kleinen Kindern bewohnt, ist wie alle aus Holz gebaut und kaum größer als ein Container. Neben dem Fernseher trocknen Felle. In Kivalina liegt neun Monate im Jahr Schnee, von November bis Juni ist das Meer vereist. Im Winter fallen die Temperaturen auf bis zu 50 Grad minus. Normalerweise.

Hinter dem Haus zerlegen Enochs Mutter, seine Schwester und seine Nichte eine drei Zentner schwere Bartrobbe. Mit scharfen Messern trennen die Frauen das Fell vom Fett und das Fett vom Fleisch. Eine blutige Arbeit. Fast alles wird verwertet. Aus dem Fell wird Großmutter Lucy Stiefel nähen. Die Nichte, die ebenfalls Lucy heißt, schneidet das Fett in Streifen, um daraus Tran zu gewinnen. Und Schwester Colleen filetiert das dunkle Fleisch und hängt es zum Trocknen in ein überdachtes Holzgerüst, in dem schon Dutzende Lachse baumeln.

Die Frauen lachen über Witze und stöhnen über ihre schmerzenden Rücken. Fünf Robben haben sie in den letzten Tagen zerlegt, für die Wintervorräte brauchen sie aber zehn bis zwölf. Auch Walfleisch sollte auf ihrem Speiseplan stehen. Doch den letzten Grönlandwal haben die Männer von Kivalina vor 15 Jahren "geerntet", wie sie sagen. Die Wanderrouten der Tiere sind nur im Frühjahr über das Packeis zu erreichen. Das aber war in den letzten Jahren zu dünn, als dass es die Schneemobile mit den Booten im Schlepptau tragen könnte.

Die Frauen ahnen, dass die vielen Jahre mit zu dünnem Eis kein Zufall sind. "Das Klima hat sich geändert", sagt Colleen. "Die Sommer sind länger, die Winter wärmer. Alles ist durcheinander." Die Eisausdehnung der Arktis lag am Ende des Sommers nur noch bei etwa 70 Prozent des üblichen Mittelwertes. Prognosen gehen davon aus, dass der Arktissommer im Jahr 2037 eisfrei sein wird. Manche Modelle sehen diesen Zustand schon für 2013 voraus. Erholung ausgeschlossen, sagen die Forscher. Aber vielleicht kann man die Entwicklung noch bremsen oder gar stoppen.

Auf die Probleme angesprochen, zuckt Lucy junior mit den Schultern. Sie habe noch nicht so viel darüber nachgedacht. Macht sie sich Sorgen? Die Antwort ist ein schüchternes Nicken. Viele im Dorf versuchen den Wandel, der ihre Lebensweise, wenn nicht gar ihr Leben bedroht, zu verdrängen. Dabei sprechen die Behörden Alaskas von 183 Gemeinden, die aktuell vom Klimawandel betroffen sind. Kivalina zählt zu den sechs Siedlungen, die am dringendsten geschützt werden müssen.

Colleen zeigt aufs Wasser. "Vor ein paar Jahren lag unser Haus noch 70 Meter vom Ozean entfernt. Jetzt sind es 20." Ingenieure der US-Armee haben erklärt, dass Kivalina von einer Überflutung bedroht ist. "Im Herbst 2004 fing es an", erzählt Enoch. "Das Meer war nicht gefroren wie sonst immer zu diesem Zeitpunkt." Und als die Herbststürme kamen, fehlte das Eis, das die Insel schützt. Die Wellen fraßen 30 Meter Strand. Die Menschen mussten fliehen. Eine dramatische Evakuierung mitten in der Nacht. Das Problem mit dem zu späten Eis ist geblieben. "2005 war es das Gleiche und 2006, 2007, auch im letzten Jahr. Und jetzt? Wir wissen es nicht." 

Das Dorf will komplett auf das sichere Festland ziehen. Doch trotz jahrelanger Diskussionen mit den Behörden gibt es keine Einigung über den neuen Siedlungsplatz und die Finanzierung. Um das Geld aufzutreiben und um auf ihre Situation aufmerksam zu machen, haben die Menschen von Kivalina nur noch ein Mittel gesehen: die aufsehenerregende Klage gegen die Öl- und Energiefirmen. Die für Kivalina tätigen Anwälte sind optimistisch. Es gibt Präzedenzfälle. Im September und Oktober wurden ähnliche Klagen von den jeweils zuständigen Bundesberufungsgerichten zugelassen. Allerdings, so weiß auch Enoch, kann sich so ein Gerichtsverfahren über Jahre hinziehen.

Während er noch über die Zukunft sinniert, ruft sein Neffe. Das kleine Glasfaserboot mit Außenbordmotor ist startklar. Enoch schlurft zum Strand, an seiner Schulter hängen zwei große Gewehre. Es ist die letzte Robbenjagd in diesem Jahr. Bleibt sie erfolglos, weiß Enoch schon jetzt: Für den langen Winter, der kommt, wird er für sich und seine Familie zu wenig Vorräte haben.

Jörn Klare