Die Ernennung der erst 32 Jahre alten CDU-Bundestagsabgeordneten Kristina Köhler zur Nachfolgerin von Familienministerin Ursula von der Leyen hat für Überraschung gesorgt. Vor allem, weil sie nicht nur jung, sondern auch unverheiratet ist und keine Kinder hat. Aber braucht man das, um sich um die Familienpolitik zu kümmern? Den Pro-Artikel von Alice Bota finden Sie hier.

Warum soll eigentlich immer eine Frau die Richtige sein? Ein Vierteljahrhundert ist vergangen, seit Heiner Geißler das Familienministerium leitete (zu dem damals, in der ersten Hälfte der achtziger Jahre, auch noch die Gesundheitspolitik gehörte). Seitdem folgten ausschließlich Ministerinnen, sieben an der Zahl, egal, wer regierte. Kristina Köhler ist die achte. Zu ihren Vorgängerinnen gehören starke Persönlichkeiten, wie Rita Süßmuth oder Renate Schmidt, und blasse Platzhalterinnen, deren Namen längst und zu Recht vergessen sind.

Aber warum nur Ministerinnen? Weil Familien nun mal Frauensache sind? Wir dachten, wir wären weiter.

Na klar, Alter und Geschlecht geben keinen Aufschluss über die Qualifikation eines Politikers. Ohne Bedeutung sind sie deshalb nicht. Vielmehr ist die Biografie von Ministerinnen und Ministern Teil ihres politischen Kapitals. Das war bei Helmut Kohl nicht anders als bei Joschka Fischer; das gilt für Kristina Köhler genauso wie für Karl-Theodor zu Guttenberg. Ihr Leben, oder besser: das, was sie von ihrem Leben preisgeben, dient der Öffentlichkeit als Projektionsfläche – und wird von Politikerinnen und Politikern bewusst eingesetzt, um Projektionen zu erzeugen.

Ohne den Hinweis auf ihre sieben Kinder, ohne die Episoden vom sonntäglichen Aktenstudium im Kinderzimmer hätte Ursula von der Leyen niemals die Politik durchsetzen können, die sie in den vergangenen vier Jahren verfolgt hat. Die privaten Lebensumstände waren Ausdruck ihres politischen Programms und umgekehrt: Ihr politisches Programm, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, hat sie durch die eigenen Lebensumstände beglaubigt. Politiker sind keine Retortenwesen, zum Glück.

Auch von Kristina Köhler, der bislang Unbekannten, haben wir in den vergangenen Tagen manches erfahren. Sagen wir es so: Sie hat sich uns vorgestellt. Köhler fährt einen Mini, ist viel im Internet unterwegs und twittert gern ("Jetzt schnell zurück zum Hauptbahnhof, um den letzten Zug zurück nach Berlin zu bekommen"). Ihre Eltern entrümpeln gerade den Keller, ihr Lebensgefährte ist parlamentarischer Staatssekretär, sie wünscht sich zwei Kinder. Für die Bild am Sonntag hat die 32-Jährige ihr Fotoalbum geöffnet. Wir sehen die neue Ministerin beim Joggen, beim Feiern, beim Sonnenbaden. Ein politisches Programm wird hieraus noch nicht, aber die Erzählung der jungen, erfolgreichen Powerfrau – nebst jungem, erfolgreichem Powerpartner – ist angelegt. Im Februar, weiß Bild , wollen die beiden heiraten.

Na und, was soll daran falsch sein? Nichts, nur passt die Erzählung nicht zu dem, was in der Familienpolitik nun ansteht. Von der Leyens Betreuungsoffensive nebst Elterngeld und Vätermonaten war eine notwendige, eine überfällige Modernisierung. Diese Modernisierung ist noch nicht abgeschlossen, doch der Ausbau von Krippen und Ganztagsschulen ist auf dem Weg. Nun müsste es darum gehen, die Schattenseiten dieser Modernisierung in den Blick zu nehmen, also mehr von den Kindern und weniger von den Jobs der Eltern zu sprechen. Armut und Verwahrlosung resultieren eben nicht nur aus finanzieller Not; Verlässlichkeit ist für Kinder wichtiger als Flexibilität (auch wenn viele erstaunlich strapazierfähig sind). Mit einem Wort: Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie hat Grenzen. Von diesen Grenzen und der Frage, was sie bedeuten, müsste die nächste Runde der familienpolitischen Debatte handeln, nicht davon, wie diese Grenzen immer weiter auszudehnen wären.

Ob Kristina Köhler hierfür die Richtige ist? Nichts deutet darauf hin.