Anders als gerne behauptet wird, ist der Kunstmarkt der wahrscheinlich berechenbarste Markt der Welt. Denn es ist immer nur die Frage, ob und wann sich die beiden entscheidenden Parameter "Zeitpunkt" und "Qualität" kreuzen. Am Wochenende wurde in der Villa Grisebach Max Beckmanns Gemälde Blick auf Vorstädte am Meer bei Marseille aus dem Jahre 1937 für 2,6 Millionen Euro versteigert – also offensichtlich am idealen Kreuzungspunkt. Der Preis ist ein grandioser Erfolg für das Berliner Auktionshaus, das sich von Beginn an der Pflege des Erbes dieses vielleicht doch größten deutschen Künstlers des 20. Jahrhunderts verschrieben hat. Dass das Bild nun nach einer Verdopplung des Schätzpreises in eine süddeutsche Privatsammlung wandert, ist zudem ein eindrucksvoller Beleg für die Aktivität und Liquidität der einheimischen Kunstsammler. Doch das unschöne Wort von der "Portfoliodiversifikation", das Ökonomen als Motiv für Kunstkäufe in Zeiten der schwelenden Finanzkrise geprägt haben, passt nicht zu der außergewöhnlichen Eleganz von Beckmanns Mittelmeerszenerie – und auch nicht zur Leidenschaftlichkeit des Bietgefechts. Das Gemälde aus der legendären Sammlung des Beckmann-Freundes Stephan Lackner wurde zum teuersten Landschaftsbild des Expressionisten überhaupt.

Nachdem Max Beckmann Hitlers Eröffnungsrede zur Ausstellung Die entartete Kunst im Radio gehört hatte, packte er seine Koffer und ging ins Exil nach Amsterdam. Sein zweites Bild, das dort 1937 entstand, nach dem Selbstbildnis Der Befreite, ist jene in Türkis- und Grüntönen schimmernde Mittelmeerlandschaft, in der es ihm gelang, das Sehnsuchtsgefühl einer ganzen Emigrantengeneration zum Bild werden zu lassen. Beckmann beschwört in seinem Gemälde die Gestade von Marseille als letzten Zipfel des alten, zivilisierten Europas – während fast zeitgleich Gottfried Benn, sein Halbbruder im Geiste (und in der Physiognomie), in seinem unseligen Brief an die literarischen Emigranten den Geflohenen um Klaus Mann Vaterlandsverrat unter den Palmen des Mittelmeers vorwarf. Genau daher rührt das irritierende unterirdische Beben, das uns noch heute aus Beckmanns Bild entgegendringt.