Von den deutschen Philosophen der Gegenwart ist Peter Sloterdijk der mit der ausgeprägtesten Physiognomie: Hinter allem, was er schreibt, meint man immer sogleich die ganze Eigentümlichkeit seiner Person herauszuhören. Sein Groll, seine Zärtlichkeit, seine Euphorien und seine Empfindlichkeiten, kurz, sein Temperament teilt sich in seinem ziemlich extrovertierten Denkstil immer mit. Sloterdijk kann und will sein Ich nicht verstecken. Das Denken um den Preis der Selbstverleugnung ist seine Sache nicht.

Vielleicht ist diese Offenkundigkeit ein Vorteil, weil sie transparent macht, was sich sonst hinter der Maske der Objektivität reiner Vernunftgründe versteckt. Zwar soll die Philosophie Wahrheiten ergründen, die unabhängig von den Kontingenzen des Individuums, das sie denkt, gelten. Doch die Entstehung eines Gedankens, seine Genesis, hat auch immer etwas mit dem Temperament dessen zu tun, der ihn fasst. Vielleicht können sich deswegen Philosophen heftiger anfeinden, als dies von Mathematikern überliefert ist. Wie sollte es auch anders sein: Die Philosophie als die Lehre vom guten Leben ist immer schon geprägt davon, was einer vor aller Reflexion vom Leben hält.

Was für eine Philosophie einer habe, hatte Fichte – mit einem Anflug von Hochmut – dekretiert, hänge davon ab, was für ein Mensch er sei. Sloterdijk hat dieses Motiv aufgegriffen für einen kleinen Sammelband, der 19 Vorworte umfasst, die er über einen längeren Zeitraum für eine Bibliothek philosophischer Primärtexte geschrieben hatte, deren Herausgeber er war. Das so entstandene Buch trägt den Titel Philosophische Temperamente. Indem es von Platon bis Foucault die großen Figuren der Philosophiegeschichte aus dem Blickpunkt ihres hitzigsten Getriebenseins betrachtet, setzt sich en passant auch ein Bild von Sloterdijks eigenem philosophischen Temperament zusammen.

Im Grunde ist er ein Lebensratgeber. Das ist es auch, was er an Platon heraushebt: dass die platonische Philosophie immer paideia war: Erziehung, "Einführung in die erwachsene Besonnenheit, die Humanität bedeutet". Aber Sloterdijk wäre nicht der Propagandist der Anthropotechnik, würde er diese Formulierung nicht sogleich verschärfen, indem er paideia mit "Neudressur" übersetzt und die platonische Philosophie insgesamt charakterisiert als "Heranzüchtung des stadt- und reichstauglichen ›großseelischen‹ Menschen".

Das ist ein wiederkehrendes Motiv bei ihm: Das Denken muss den Menschen formen. Es zielt auf die Erkenntnis der Wahrheit – aber so, dass diese Erkenntnis den, der sie hat, sogleich modelliert. Für ein Wissen ohne Rückkopplung auf die Lebensführung hat dieser Philosophie-Therapeut keine Geduld. Das ist auch der Grund, warum Sloterdijk den toten Buchstaben so fürchtet und ihm qua sprachlichem Schöpfertum Leben einhauchen muss: damit unabweisbar wird, dass der Buchstabe Fleisch geworden ist… Denn dies ist der größte und vernichtendste Zweifel, den man aus dieser Sicht an die Philosophie herantragen kann: der Verdacht nämlich, "dass diese bizarren Argumentierer am Ende nur Bibliotheken und keine Erleuchtungen besitzen".

Erleuchtungen allerdings gewinnt man nicht ausschließlich auf dem Weg des Arguments, sondern auch auf dem der spirituellen Übung. Das ist gewissermaßen Sloterdijks buddhistische Seite. Überhaupt ist die Philosophie für ihn nicht nur Ausdruck eines individuellen Temperaments, sie gestaltet ihrerseits dieses Temperament und gibt ihm eine Form. Das ist es, was ihm an der platonischen ebenso wie an der stoischen und epikureischen Lehre gefällt, dass sie den "Philosophen als Experten für Seelenfriedensforschung definierte".

Aber es gibt auch eine Form des Seelenfriedens, auf die Sloterdijk allergisch reagiert. Jener Seelenfrieden, der das Ergebnis von Selbstverkleinerung ist. Das bekommt Augustinus, der "furchtbare Bischof", zu spüren, auf den er nicht gut zu sprechen ist. Mit Augustinus beginnt für Sloterdijk jene fatale "Fundamentalinquisition gegen die menschliche Eigenliebe". Augustinus’ Satz: "Unser Herz ist unruhig, bis es ruht in dir" ist ihm Ausdruck der Selbsterniedrigung – die Selbstbeschäftigung ist da eben gerade keine Schule der Vornehmheit mehr, sondern Masochismus. Dafür ist Sloterdijk nicht zu haben: Er ist unbedingt ein Wohlfühlphilosoph. Man soll über sich hinaus wachsen, aber ohne Schuldgefühle. Er kämpft für den Narzissmus und für die Eigenliebe. Mit Augustinus beginnt für ihn der Weg der Philosophie in die Selbstverachtung des Menschen. Seither gilt – für seinen Geschmack viel zu häufig: "Die Wahrheit über die Wahrheit ist, dass sie für die Betroffenen furchtbar sein soll."

Gegen dieses schleichende Gift des Miserabilismus hilft natürlich nur Nietzsche, der Erzieher des Übermenschen, der zu "göttlicher Individualisierung" anspornt. Und vielleicht fällt kein Porträt verliebter aus als das, welches Sloterdijk von Sartre zeichnet, der alle Bindungen ausschlägt, um sich über den Abgründen der Freiheit neu zu erfinden.