Etwas Schönes herzustellen, hat die Prager Künstlerin Květa Pacovská einmal gesagt, sei gar nicht so kompliziert. Sie nehme Papier, Pinsel und Farben, sie kombiniere, zeichne, klebe, schneide – "und wenn es nicht gelungen ist, klebe ich alles wieder zurück".

Genauso hat sie mit Hänsel und Gretel eines der beliebtesten Grimmschen Märchen neu in Szene gesetzt. Da finden sich gleich zu Beginn verschiedene gezeichnete Fassungen der Hexe, auf einer Seite neben- und untereinandergeklebt, die den Charakter von Vorzeichnungen, von schnellen Skizzen haben. Mal hat die Hexe eine gebogene Nase, mal eine gerade, mal Warzen, mal einen Mund voller spitzer Zähne. Es begegnet uns eine Hexe, wie wir sie so nie gesehen haben: sicher und kraftvoll gezeichnet, wild, archaisch im Ausdruck.

Es gehört wohl die Souveränität des Alters dazu – Květa Pacovská feierte im vergangenen Jahr ihren 80. Geburtstag –, um den Leser und Betrachter derart unmittelbar am Entstehungsprozess einer Figur teilhaben zu lassen. Gerade der Figur der Hexe gilt Pacovskás ganz besonderes Interesse. Während Hänsel und Gretel als kleine, fast schematische, schwarz-weiße Strichzeichnungen ins Bild gesetzt sind, ziert die Hexe den Titel des Buches, erstreckt sich in voller Größe, Buntheit und Ausdruckskraft über den Vorsatz, füllt selbstbewusst mehrere Bildseiten. Ihre Augen mit den markanten roten Pupillen verfolgen den Betrachter durch die Seiten. Ihr aus leuchtend bunten Rechtecken zusammengefügtes Kleid, dessen prägnantes Muster auch das Hexenhaus ziert und beide Elemente so optisch zusammenbindet, verweist auf Pacovskás Auseinandersetzung mit der Kunst Paul Klees und des Bauhauses.

© Minedition

Eine andere Buchseite zeigt das Haus der Eltern inmitten bunter, runder Edelsteine und zitiert so Ernst Wilhelm Nays Scheibenbilder aus den 1950er und 1960er Jahren. Diese Illustrationen bilden nicht ab, sie begleiten in ihrer Anordnung und Motivwahl noch nicht einmal den Text, sie setzen eigene Akzente und Schwerpunkte: Nebenfiguren wie der weiße Mond, das verblüffend reduziert gezeichnete Kätzchen, die wilden Tiere des Waldes mit ihren blutroten Zungen, die aus alten Papieren collagierten Vögel oder das seitenfüllende Entchen werden bildwürdig und bildbestimmend. Gängige, aus der traditionellen Illustrationder Geschichte vertraute Motive, wie etwa Hänsel und Gretel Hand in Hand im finsteren Wald, sucht man vergebens.

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Märchen haben die vielfach ausgezeichnete Künstlerin seit Langem fasziniert. Unter ihren fast 50 Buchveröffentlichungen finden sich neben einer Ausgabe der Grimmschen Märchen (1986) und einer Bearbeitung des Standhaften Zinnsoldaten (1985), die nur in ihrer Heimat veröffentlicht wurde, auch Bilderbücher wie Rotkäppchen (2005) oder Das Mädchen mit den Schwefelhölzern (2007). In dieser Version von Hänsel und Gretel umfasst der Text gerade mal fünf Seiten des Buches, er verliert sich optisch fast zwischen den intensiv farbigen, dominanten Bildern. Lebendig wird er da, wo die Künstlerin ihn mit roten Zeichnungen überlagert oder Schlüsselsätze wie das berühmte "Knusper, knusper, knäuschen" als grafische Elemente in die Illustration integriert.

Bestimmend für das Buch aber ist der Kontrast: zwischen der opulenten, durchaus reizvollen, vielfarbigen Hexe und ihrem verlockenden Knusperhaus und den kleinen, unscheinbaren Kindern mit ihrer einfachen, auf ein Bildzeichen reduzierten Hütte; der inhaltliche Kontrast zwischen Gut und Böse, für den die Künstlerin überraschende und eindringliche Bilder findet, in denen sie auch das Faszinierende und Schillernde des Bösen in Szene setzt; und schließlich der farbliche Kontrast zwischen Schwarz, Rot und Weiß, der im Übrigen schon Květa Pacovskás frühe bildhauerische Arbeiten aus den 1960er Jahren kennzeichnet, auf die die Künstlerin hier noch einmal Bezug nimmt – wie eine Sammlung von Bildhauerzeichnungen erscheint eine wunderbare Seite, auf der sie Skizzen versammelt, die verschiedene Formen und Motive variieren, ja konstruiert.

In diesem Buch erprobt Květa Pacovská die Grenzen zwischen Illustration und freier Kunst vielleicht noch radikaler und kompromissloser als in all ihren vorhergehenden Werken, die schon in den Regalen der Kinderzimmer oder Bilderbuchsammler stehen. Mit ihren Bildern schafft sie einen Fantasieraum, in dem wir den vertrauten Text neu und anders lesen.

Maria Linsmann ist Leiterin des Bilderbuchmuseums auf Burg Wissem in Troisdorf