Die Kirche mag ein Ort der Versöhnung sein, doch sich mit der Kirche zu versöhnen scheint nicht immer leicht. Nach vierzig Jahren Sozialismus hatten die Leipziger jedenfalls ein Problem, man kann es auch schlechtes Gewissen nennen: Kaum einer von ihnen war gegen die Sprengung der ehrwürdigen Universitätskirche St. Pauli aufgestanden. Das berühmte sächsische Bürgertum, das sich auf seine Dickschädeligkeit viel einbildet, hatte 1968 feige geschwiegen, als Walter Ulbricht seine Kirchenfeindlichkeit an einem Kulturdenkmal austobte. Nach der Wende dann hub eine wiederaufbaukritische Uni-Kirchendebatte an, deren Lautstärke noch von der Scham zeugte. Doch nun ist endlich Versöhnung in Sicht. Am kommenden Sonntag findet in dem halb fertigen Neubau an der Stelle der alten Universitätskirche der erste Gottesdienst seit damals statt. "Um wie viel mehr werden wir selig werden, nachdem wir versöhnt sind", heißt es im Paulusbrief an die Römer, und darum geht es hier im weltlichen Sinn: um Wiedergutmachung durch Gedenken, um Wiederbelebung einer brutal zerstörten Kulturtradition, um Anknüpfung an die große Universitätsgeschichte.

Doch wie friedlich ist die Lage wirklich? Steinig war der Weg bis zum Gottesdienst. So hatte die Universität in den letzten Jahren ihren zentralen Neubau stets nur als Paulinum ausgewiesen, das heißt als Aula mit Andachtsraum, und nicht auch als Universitätskirche (ZEIT Nr. 23/08). Nach langem Streit erst fiel der Beschluss, in einer Festwoche zum 600-jährigen Bestehen der Universität im Dezember 2009 auch einen Gottesdienst im Paulinum stattfinden zu lassen. Doch kurzfristig wurde das Programm der Festwoche zusammengestrichen, und die Uni beeilte sich, den für den 6. Dezember geplanten Universitätsgottesdienst in die Nikolaikirche zu verlegen. Warum? Aus finanziellen und "technisch-organisatorischen" Gründen, hieß es. Doch schon im Oktober hatte die Uni die Rückkehr der originalen Kirchenglocke an den Ursprungsort nachgerade verheimlicht. Man ließ sie so nebenbei liefern, obwohl doch in Dresden die Heimkunft der Frauenkirchenglocke für ein Großereignis mit Zehntausenden Besuchern gut gewesen war. Gibt es in Leipzig kein Traditionsbewusstsein, oder will man es bloß nicht mobilisieren? Passt Kirche nicht in die stromlinienförmige Uni der Gegenwart? Die Leipziger Unfähigkeit zu feiern fiel zuletzt auch dem Freistaat Sachsen auf. Und so ermöglichte er als Bauherr des Paulinums in letzter Minute doch noch den Gottesdienst am Sonntag. Der Freistaat immerhin sah die politische Dimension des Kirchentermins.

Drei große historische Symbolbaustellen hat Nachwendedeutschland: Im Vergleich zum Berliner Stadtschloss und zu der Dresdner Frauenkirche war die Leipziger Paulinerkirche das kleinere Problem. Hier konnte nie der Vorwurf einer selbstgefälligen Geschichtsklitterung verfangen – dass wir etwa als Nation zum Preußenkult zurückkehren oder ein Mahnmal des Zweiten Weltkrieges beseitigen wollten. Weil das Betontrumm der Karl-Marx-Uni so hässlich war, wurde man nach 1989 rasch über den Abriss einig. Nur die Kirche wollte man an dieser Stelle nicht wiederhaben und warf sich in die Brust wie der letzte Verteidiger einer Trennung von Kirche und Staat – die aber nie in Gefahr war.

Dass Leipzig weiter auf dem säkularistischen Sonderweg ist, diesen Verdacht legte die letzte Verhinderungsaktion nahe: Die Universitätsleitung wollte den erforderlichen zweiten Fluchtweg für den Gottesdienst nicht genehmigen, das heißt schlicht, eine Tür zum Uni-Gelände nicht öffnen. Aber dann besann sie sich. Vielleicht auch, weil sie Proteste während ihres weltlichen Festaktes fürchtete, der am Mittwoch im Universitätskirchenraum stattfand. Nicht dass Leipziger Protestanten wieder friedliche Revolution machten! Wollen wir also hoffen und auch ein bisschen beten, dass der Gottesdienst stattfindet. Die ARD bringt am Sonntag jedenfalls einen Tatort, in dem die Kirchensprengung Thema ist.