Chefredakteure sind meist nicht so einflussreich, wie dies ihre Untergebenen glauben, sie sind praktisch nie so wichtig, wie sie sich selbst nehmen, und sie wollen selten die Welt oder auch nur die Zeitung so verändern, wie ihnen das gerne von Lesern oder Zuschauern unterstellt wird." So schrieb dieser Tage Kurt Kister, selbst stellvertretender Chefredakteur der Süddeutschen Zeitung, zum Auftakt seiner Kritik an der politisch motivierten Abberufung des ZDF-Chefredakteurs Nikolaus Brender. "Ihr symbolischer Wert allerdings ist hoch, zumal in Zeiten, in denen eine Neubesetzung oder Bestätigung einer Chefredaktion ansteht." Im Windschatten der bundesweit beachteten Personalie beim ZDF ist nun vergangene Woche ein weit weniger beachtetes, aber auch symbolhaft aufgeladenes Chefredakteursschicksal entschieden worden. In diesem Fall geht es nicht um die klare Blockkonfrontation Politik gegen Journalismus, Macht und Gegenmacht, sondern um den weit verzwickteren Gegensatz zwischen Verlag und Redaktion, zwischen Eigentümer und Angestellten also, zwischen Geldmacht und Wortmacht.

Sergej Lochthofen, Gründungschef der Thüringer Allgemeinen (TA) und seit zwanzig Jahren eine der wenigen publizistischen Stimmen des Ostens mit überregionaler Wirkung, soll auf Wunsch seines Verlages abgelöst werden. Und so verschieden die Fälle auch sind, zwei Argumente der Anklage ähneln sich. Er sei nicht nur beliebt gewesen, streuten Brenders Gegner; er sei nicht nur beliebt gewesen, heißt es heute über Lochthofen. Er habe die Quotenerwartung des ZDF-Verwaltungsrats nicht erfüllt, hieß es über Brender; er habe sich sperrig gezeigt gegen die Effizienzsteigerungswünsche seines Verlages, heißt es über Lochthofen. Zumindest das Argument fehlender Zustimmung ist inzwischen nicht mehr restlos überzeugend: Die Mitarbeiter der TA haben in einer Resolution die Rücknahme der Ablösung verlangt und ihre Spalten für die Briefflut überwiegend empörter Leser geöffnet.

Lochthofen, geboren im sibirischen Workuta als Sohn eines verbannten deutschen Kommunisten, ist all die Jahre ein nach innen und außen Unerschrockener gewesen. Im Redaktionsgeschehen bescheinigen ihm auch unvoreingenommene Beobachter eine Tendenz zum Sonnenkönigtum, die sich etwa darin äußerte, dass er seine Ehefrau als Vize beschäftigte. Dass sie jetzt ebenfalls gehen muss, hat er mit dem unsinnigen Vorwurf quittiert, es herrsche Sippenhaft wie bei den Nazis. "Ich hätte ihn gern gemocht, wenn er mir nur die Chance gegeben hätte", fasste jetzt ein Kollege seine widersprüchliche Natur zusammen. In wesentlichen politischen Auseinandersetzungen aber stand er für einen Journalismus, der in seinem Selbstverständnis vom Geist der Wende 89 getragen war, als die Thüringer Allgemeine als erste unabhängige Zeitung der Noch-DDR entstand. Nicht nur gewann Lochthofen für die TA zahlreiche Preise, er hat auch etwas gewagt, das Journalisten nicht immer so leichtfällt, wie es ihre Leser zu Recht erwarten: Er hat sich mit der Politik angelegt.

So ließ er einmal eine Seite unbedruckt erscheinen, nachdem ein Bundespolitiker ein Interview nur mit massiven Änderungen am Wortlaut freigeben wollte. Und früher als andere hatte Lochthofen die Versuche von Thüringens Ministerpräsident Dieter Althaus kritisiert, nach seinem fatalen Skiunfall um jeden Preis an seinen Ämtern festzuhalten. Kein ganz risikoloses Unterfangen angesichts der Verflechtungen von Landespolitik und Regionalzeitungen.

Darf ein Verlag einen solchen Chefredakteur abservieren, weil er sich von seinem Nachfolger eine reibungslosere Steigerung der Effizienz verspricht? Natürlich darf er. Aber soll er? Hier nun unterscheiden sich die Fälle Brender und Lochthofen: Während die Politik in Medien möglichst wenig zu suchen hat, sind Verlag und Redaktion aufeinander angewiesen. Gerade darum aber zeichnet kluge Verlage aus, dass sie um den Unterschied zwischen einer Redaktion und einer Schraubenfabrik wissen: Eine Zeitung braucht Seele, eine Schraube nicht. Im besten Fall stellt ein Verlag den ideellen Mehrwert, den eine Zeitung erwirtschaftet, sogar dem materiellen Mehrwert gleich – schließlich sind die Kosten, die guter Journalismus nun einmal verursacht, nicht bloß eine Spende zur Förderung des demokratischen Diskurses, sondern auch eine Investition in das eigene Renommee.

Für diese Ansicht aber ist die nordrhein-westfälische WAZ-Gruppe, zu der die Thüringer Allgemeine gehört, nicht bekannt. Nun stellt sich die Wortmacht gegen die Geldmacht. Gewinnen kann sie dabei kaum, Alarm schlagen muss sie trotzdem.