Was uns heilig ist

Und was ist mit den Sonntagsspielen der Bundesliga? Was ist mit den Kellnerinnen und Kellnern, den Busfahrern, Gefängniswärtern und Kinobetreibern, die am Wochenende arbeiten müssen? Steht ihnen am Sonntag keine Pause zu, keine "seelische Erhebung"? Warum schränkt das Bundesverfassungsgericht nur das Einkaufen am Sonntag ein, nicht aber die Öffnungszeiten der Museen?

Die Einwände gegen das jüngste "Adventsurteil" des Bundesverfassungsgericht drängen sich förmlich auf. Die Karlsruher Entscheidung, die seltsam marktradikalen Ladenöffnungszeiten des rot-roten, latent kirchenfeindlichen Berliner Senats aus Gründen der Religionsfreiheit kräftig einzuschränken, vor allem in den Wochen vor Weihnachten, ist nicht leicht zu verstehen. Was hat der Staat die kirchlichen Feiertage zu schützen? Und wenn er sie schützt, warum dann nur die christlichen und nicht auch die muslimischen, die jüdischen und alle anderen? Und wie steht es mit dem internationalen Vergleich: Warum kann man zum Beispiel in den Vereinigten Staaten, einem tief religiösen Land, immerzu und ständig shoppen, nicht aber im ziemlich ungläubigen Deutschland?

Deutschland hält es eben anders mit der Religion. Das ist die erste schlichte Wahrheit, an die das Karlsruher Urteil erinnert. Anders als Frankreich oder die Vereinigten Staaten ist die Bundesrepublik kein laizistisches Land, in dem Staat und Kirche strikt getrennt sind. Hierzulande sind sie vielmehr auf tausenderlei Weise miteinander verbunden, aus Gründen der Tradition, aber auch, weil das Grundgesetz im Glauben eine Kraft sieht, die der Gemeinschaft insgesamt, sogar dem Staat selber, mehr nützt als schadet. Deshalb zieht der Staat für die Kirchen die Kirchensteuer ein, deshalb organisieren die Kirchen den Religionsunterricht an öffentlichen Schulen. Und deshalb garantiert die Verfassung den Schutz des Sonntags und der Feiertage.

Das ist ein anspruchsvolles Modell, das immer wieder zu Streit führt. Aber es ist dem laizistischen Konzept der schlichten Trennung überlegen, weil sich Religion in Wahrheit kaum aus Schulen, Behörden, Gerichten oder Parlamenten fernhalten lässt. Wenn der Glaube gleich welcher Spielart Teil des Lebens ist, dann kann ihn niemand beim Pförtner abgeben. Deshalb wird er nach dem deutschen Modell in den staatlichen Institutionen eingehegt und reguliert, aber nicht ausgesperrt.

Auch das Verfassungsgericht nimmt die Religion ernst, das ist das zweite Signal des Adventsurteils. Das war schon immer so. Karlsruhe nimmt die Religion sogar meist erheblich ernster als die Mehrheit der Bevölkerung. Für das Gericht ist beispielsweise das Kruzifix nicht irgendein volkstümlicher Wandschmuck, sondern ein Symbol, das Wirkung entfalten soll und Wirkung entfaltet, auf gläubige Christen gleichermaßen wie auf Angehörige anderer Religionen. Eben darum hat das Gericht vor Jahren das Kreuz aus staatlichen Klassenzimmern verbannt – sehr zur Empörung der Gläubigen, die die Wirkung des Kreuzes kurioserweise kleinzureden versuchten, um es in den Schulen zu halten.

Und nun sind eben auch die Adventssonntage in den Augen des Gerichts nicht bloß vier beliebige Wochentage zur Komplettierung der Weihnachtseinkäufe, sondern eine sehr spezielle Jahreszeit, geprägt vom christlichen Kalender und den Traditionen der Kirche.

Das ist eine recht konservative Auslegung des Feiertagsschutzes im Grundgesetz, keine Frage, und bisweilen meint man in Urteilsformulierungen wie der vom "alltäglichen Erwerbsinteresse potenzieller Käufer" auch so etwas wie höchstrichterliche Abscheu vor der totalen Durchkommerzialisierung der Gesellschaft mitklingen zu hören.

 

Ist das wirklich nur ein altväterliches Beharren auf längst überholten gesellschaftlichen Normen? Bloß ein Freundschaftdienst der mächtigen Robenträger an die nicht mehr gar so mächtigen Träger der Talare und Messgewänder? Ein verzweifelter Versuch, die leeren Kirchen wieder zu füllen?

Vielleicht ist es auch das. Aber entkleidet man das "Adventsurteil" einmal aller juristischen und theologischen Formeln, dann bleibt etwas, das nicht vorgestrig anmutet, sondern aufregend aktuell. Was das Gericht da formuliert, entspricht der tiefen gesellschaftlichen Sehnsucht nach Entschleunigung, nach Auszeiten im mörderischen Rund-um-die-Uhr-Zyklus, nach Haltepunkten in der permanenten Zerstreuung. All das ist der Sonntag, auch für Atheisten und religiös Unmusikalische. Es ist der Tag von Tatort, Trödelei und Telefonaten. Eine Zwischenzeit. Ein Schwellentag zwischen zwei Wochen. Ein Moment zum Luftholen, Ausschlafen, Zeit verplempern. Wer wollte darauf verzichten? Einkaufen können wir auch noch Montag.