Tagelang jagte eine Nachricht die andere. Fast stündlich meldeten die Agenturen neue Zahlen für die amerikanische Truppenverstärkung in Afghanistan. 20.000 zusätzliche Soldaten, 30.000, gar 35.000? Doch erst wenige Stunden vor Barack Obamas sehnlich erwarteter Rede an die Nation, brach die eigentliche Sensation durch: Schon in anderthalb Jahren, im Mai 2011, will der Präsident Amerikas Truppen schrittweise wieder abziehen. Seine Botschaft an sein Land und die Welt: Ich rüste auf, um schnell und dauerhaft abzurüsten! Mit dieser Losung hofft er, auch die Skeptiker für seine Strategie zu gewinnen. Ein geschickter Schachzug. Doch kann Obama sein Versprechen halten?

Seine Rede am Dienstagabend war wohl eine der schwierigsten, die er je gehalten hat. Just in einem Moment, da die Amerikaner mehr und mehr am Afghanistankrieg zweifeln, verkündet er eine gewaltige Truppenaufstockung. Spätestens jetzt ist dieser Krieg sein Krieg, sind die Toten seine Toten und ist jeder Fehler sein Fehler. Nicht die Gesundheitsreform, nicht das Klimaschutzgesetz – Afghanistan wird über Wohl und Wehe seiner Präsidentschaft entscheiden.

Obama will das Chaos beenden und Ordnung schaffen, und sei sie auch noch so unvollständig. Daher hat er sich für die Aufstandsbekämpfung entschieden und nicht nur für die Terroristenjagd. Dabei hat ihn folgende Erkenntnis geleitet: Ein unsicheres Afghanistan ist lebensgefährlich, denn es bedroht nicht nur Amerika, sondern auch das benachbarte Atomland Pakistan und damit die gesamte Welt. Deswegen will Obama am Hindukusch von Sommer 2011 an ein halbwegs regierbares und berechenbares Land hinterlassen. Um das zu erreichen, braucht er nicht nur mehr Sicherheit für die Menschen, sondern auch mehr Zeit für den zivilen Aufbau. Sicherheit und Zeit aber, so der Präsident, gewinne man nur mit dem Einsatz zusätzlicher Soldaten.

Wer hätte noch vor etwas mehr als einem Jahr gedacht, dass Obama ausgerechnet die Irakstrategie seines Vorgängers George W. Bush adaptieren würde, nämlich die des surge , der vorübergehenden Truppenverstärkung? Seit seinem Amtsantritt vor elf Monaten hat Obama die Zahl amerikanischer Soldaten in Afghanistan verdoppelt, auf etwa 70.000 Männer und Frauen. Jetzt will er weitere 30.000 in den Krieg schicken, fast so viele, wie sein militärischer Statthalter in Afghanistan, General Stanley McChrystal, im August gefordert hatte. Truppen, die noch fehlen, sollen die Europäer bereitstellen. Außenministerin Hillary Clinton wird deshalb schon Anfang kommender Woche in Brüssel ihre Nato-Kollegen bearbeiten.

Bereits Mitte 2010 werden am Hindukusch 110.000 US-Soldaten zum Einsatz kommen, weit schneller, als die kühnsten Strategen erwartet haben. Obama drängt zur Eile. Bereits in wenigen Wochen erhalten 9000 Marinesoldaten den Marschbefehl. Sie sollen vor allem in die Taliban-Hochburg Helmand einmarschieren, in den umkämpften Süden Afghanistans, und dort nicht nur die Aufständischen vertreiben, sondern auch die Einheimischen schützen und den Boden für zivile Aufbautruppen bereiten. Alsbald werden weitere Soldaten folgen, um afghanische Polizisten und Militärs zu trainieren. Schon im nächsten Jahr soll die einheimische Armee von 90.000 auf 134.000 Mitglieder anwachsen, auch die Polizei wird aufgestockt.

In der Provinz Helmand möchte Obama das erste leuchtende Beispiel setzen. Seht her, will er den Afghanen demonstrieren, euer Leben wird ohne die Taliban besser! Seht her, will er den Kriegsskeptikern zeigen, meine Militärstrategie hilft den Menschen! Allmählich soll in allen 400 Provinzen und Bezirken Ordnung einkehren, sollen einigermaßen verlässliche Gouverneure und Clanchefs über die Sicherheit wachen.

Mit eiserner Miene verkündete der Präsident: "Ich will den Job zu Ende bringen." Zugleich verspricht er, dies werde kein endloser Krieg und auch kein zweites Vietnam. Der Präsident setzt sich Etappenziele. Seine Truppen sollen von Region zu Region Sicherheit schaffen, auch indem sie Pakte mit lokalen Clanchefs und kompromissbereiten Taliban schmieden. Die Korruption soll bekämpft werden, die Nachbarstaaten sollen in das Sicherheitskonzept eingebunden werden. Bis man allmählich die Verantwortung an die Gouverneure und eine halbwegs zuverlässige und stabile Zentralregierung in Kabul abgeben kann. "Government for the people, not by the people", lautet Obamas Motto. Von einer blühenden Demokratie einer aus freien und geheimen Wahlen hervorgegangenen Führung redet der Pragmatiker schon lange nicht mehr. Man wäre bereits hochzufrieden, verrät eine Beraterin, wenn Präsident Karsai künftig mehr für seine Untertanen sorgte und weniger für sich und die Seinen.