Wolfgang Clement und Friedrich Merz, vor wenigen Jahren noch wichtige Männer in der Bundespolitik, der eine Opfer von Angela Merkel, der andere das Opfer seiner selbst, trafen sich Anfang der Woche auf Einladung des "Frankfurter Zukunftsrates" in Berlin, um vor Publikum klare Worte über Europa zu wechseln. Clement, vor Monaten wegen der Energiepolitik seiner hessischen Parteifeinde spektakulär aus der SPD ausgetreten, erinnerte ganz am Anfang daran, er habe ja "die parteipolitische Distanz zu Herrn Merz erheblich verringert". Was dem marktliberalen Herrn Merz so gut gefiel, dass er fortan die Agendapolitik der Sozis zu loben nicht müde wurde und so energisch Finanzmarktregeln einforderte, dass man sagen kann: Der letzte Aufrechte des Leipziger CDU-Parteitags steht heute deutlich links von Obama.

Sie gaben beide nicht der Versuchung nach, mit vereinter Eloquenz gegen alles zu wettern, was ihnen in Deutschland und Europa nicht behagt. Nur manchmal. Unter dicken Lüstern im pistaziengrünen Saal des Hotels Adlon redeten zwei Staatsmänner ohne Staat. Es war eher eine große abendliche Koalition der Unkorrekten vor einem liberalen, aber nicht FDP-verbissenen bürgerlichen Publikum – und vor sehr vielen Journalisten. Europa, lautete die Kernbotschaft, sei noch immer die beste Antwort auf Finanzkrise und Globalisierung. Aber wie wenig werden die Potenziale Europas genutzt, wenn doch die Krise weiter schwelt. Der eine forderte einen europäischen Wirtschaftsminister, der andere eine europäische Rating-Agentur. Merz sprach sogar von einer eigenen "Wirtschaftsregierung", wobei er sicher nicht an Sarkozy dachte.

Beide erinnerten daran, dass Europa während der turbulenten Wochen um den Jahreswechsel vor bald einem Jahr vor allem der Notaufnahme eines Finanzkrankenhauses glich, aber nicht der Ort war, an dem sich politische Führung angesichts des Marktversagens kristallisierte. Zu wenig habe man seither die europäische Ebene zur Koordination von Gegenmaßnahmen strapaziert. Die Euro-Länder hätten sich in die Pflicht nehmen lassen müssen, nicht die Gemeinschaft der 27 mit ihren unterschiedlichen Interessenlagen. Auch hätte die Europäische Zentralbank eine größere Rolle spielen können: Vorschläge zur Marktregulierung wären mit den damals noch kooperationswilligen USA auch realisierbar gewesen. Das alles ist nicht geschehen. Stattdessen folgte die globale Flucht in die G20, wo sich der Wille zur neuen Finanzmarktarchitektur nun verläppere.

So wie Europa heute funktioniert, ist es in den Augen von Merz und Clement im Krisenfall nicht belastbar. Dieses Fazit konnte man getrost als Kritik an der Kanzlerin und an der Politik der Großen Koalition verstehen. Ein schwächlicher Lissabon-Vertrag (Clement: "eine Zumutung für mündige Bürger"), die Furcht vor einem starken EU-Spitzenpersonal, dazu die Tendenz zur Renationalisierung der Mitgliedsstaaten – all das belege Defizite in der Europapolitik, denen eklatante Defizite in den Nationen entsprechen: 40 Prozent Jugendarbeitslosigkeit in Spanien, 30 Prozent in Schweden, hierzulande immerhin 14 Prozent. Keine geordnete Migrationspolitik ist in Sicht, vor allem keine sozial und ökonomisch wirksame Bildungspolitik. Bloß mehr Kindergeld: "Die Politik turnt uns was vor."

Der Saal war voll, die Stimmung gut. Es gab eine gewisse Erwartung, die beiden ein wenig aus der Haut fahren zu sehen, denn das Zürnen haben sie ja nicht verlernt. In der Tat fällt Clement in seinen groben Ton von früher zurück, sobald es um Energiefragen geht. Man muss ihn als Wirtschaftsminister ökologisch schlimm getriezt haben. Noch immer ist für ihn der Klimaschutz der Todfeind jeder vernünftigen Energiepolitik. Da bleibt er klassisch. Merz hingegen reagiert auf das Stichwort "soziales Europa". Sein Humor endet abrupt bei der Vorstellung, Brüssel könne einst ein riesiges eigenes Sozialstaatsmonster ausbrüten: "Das macht mich wahnsinnig!"