Es ist einer jener Tage, an denen man das Gefühl hat, im falschen Film zu sitzen. Nur noch wenige Wochen bis Weihnachten, doch der Spätsommerfrühling will nicht enden. Draußen laufen die Menschen im T-Shirt herum; die Biergärten sind voll, und verwirrte Amseln balzen auf kahlem Geäst. Auch Nikolaus von Bomhard ist die Novemberwärme nicht geheuer, als er am Morgen mit dem Fahrrad durch den Englischen Garten zur Arbeit fährt. Natürlich könne man vom Wetter eines Tages oder einer Woche nicht aufs Klima schließen, sagt er und blickt aus dem Fenster über die Baumwipfel. "Aber die Häufung extremer Witterungsereignisse kann jeder wahrnehmen: Da ist etwas aus dem Lot geraten."

Der Mann muss es wissen. Er ist Chef einer Institution, die als Pionier bei der Erforschung des Klimawandels gilt. Lange bevor die Vereinten Nationen das Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) ins Leben riefen, Wissenschaftler in aller Welt vor einer Klimakatastrophe warnten und "Klimakanzlerin" Angela Merkel die Bühne der internationalen Umweltpolitik betrat, setzte die Münchener Rück das Thema ganz oben auf ihre Agenda.

Die weltgrößte Rückversicherung hat ein Interesse daran, dass die vom Menschen mit verursachte und beschleunigte Erderwärmung beherrschbar bleibt. Das Unternehmen, vor Kurzem in Munich RE umbenannt, verdient sein Geld in erster Linie damit, anderen Versicherungen Milliardenrisiken abzunehmen, die diese nicht tragen könnten: Erdbeben, Tsunamis, Pandemien und technische Havarien sowie extreme Wetterereignisse wie Hurrikans, Dürren oder Flutkatastrophen. Deren Zahl hat sich, den Statistiken der hauseigenen GeoRisikoForschung zufolge, seit der achtziger Jahren weltweit etwa verdreifacht.

"Ein Manager mit exzellenten Manieren und echter Herzensbildung"

Für die Rückversicherer müssen Naturkatastrophen kalkulierbar bleiben, sonst lässt sich mit ihnen kein Geschäft machen. Wenn keine normale Versicherung es mehr wagte, kapitale Risiken abzusichern, würden auch die Rückversicherer überflüssig. Deshalb setzt sich die Munich RE für die weltweite Reduzierung der Treibhausgase ein. Und sie stellte sich an die Spitze eines Projektes, das im Sommer ganz Europa elektrisierte: die Desertec-Initiative.

Deren Ziel ist es, in der Sahara Sonnenkraftwerke zu bauen, mit denen in naher Zukunft 15 Prozent des europäischen Strombedarfs emissionsfrei und umweltfreundlich gedeckt werden sollen. Als im Juni im Stammsitz der Munich RE in München-Schwabing, einem prächtigen Palais im Stil des Historismus, der Startschuss für Desertec fiel, war der Medienrummel enorm. Der Andrang überraschte die Organisatoren. "Offenbar war das Publikum von den vielen Hiobsbotschaften der Finanzkrise ermüdet und sehnte sich nach einem Vorwärtsthema, das ein viel größeres Menschheitsproblem vielleicht einer Lösung näher bringt", sagt Bomhard. Der Manager hätte die Präsentation als Bühne für sich nutzen können. Doch der 53-Jährige beließ es bei einem Grußwort, setzte sich auf ein Stühlchen an der Seite des Konferenzsaales und überließ seinem Vorstandskollegen Torsten Jeworrek das Feld.

Understatement hart an der Grenze zur Unsichtbarkeit ist typisch für den in München aufgewachsenen Spross eines bayerischen Adelsgeschlechts. "Briefadel ohne Landbesitz", erläutert Bomhard. Die Vorfahren waren hohe Beamte in der bayerischen Ministerialbürokratie, einer sogar Justizminister. Erst unter Ludwig II. von Bayern, dem "Märchenkönig", der von 1864 bis 1886 regierte, wurden zwei Linien der ursprünglich aus Thüringen stammenden Familie unabhängig voneinander in den erblichen Adelsstand erhoben. Etwa zur gleichen Zeit, als Carl von Thieme die Münchener Rück ins Leben rief, aus der später auch die Allianz-Versicherung hervorging.

Der Geist der von Maximilian von Monteglas begründeten, der Aufklärung und dem Rationalismus verpflichteten bayerischen Beamtenschaft scheint auch der Jurist Bomhard zu atmen. Persönliche Ambitionen, so sein Credo, haben sich der Funktion unterzuordnen. Für vorbildhaft hält es der Chef, wenn Mitarbeiter auch ihre eigenen Aufgaben kritisch hinterfragen. "Das ist guter Stil, die richtige Haltung", sagt er. Er selbst klebe nicht an seinem Sessel. "Es kann immer passieren, dass ich für etwas, für das ich wirklich nichts kann, die politische Verantwortung übernehmen muss."