Hundert Meter lange Maschinen, durch die sich Kilometerbahnen Stoff schlängeln – das war lange Zeit der Arbeitsplatz von Markus Bardian. Der 24-jährige Industriemechaniker kümmerte sich um die Instandhaltung gigantischer Anlagen, die sogenannte Vliesstoffe produzieren. Material, das zum Beispiel für Windeln benötigt wird, aber auch für Autos: etwa in Luftfiltern, im Fußboden oder unter dem Dach. Seit die Finanzkrise die Weltwirtschaft erschüttert, werden aber weniger Autos verkauft, und die Industrie braucht weniger Vliesstoffe.

Die Maschinen, die Bardian in einem Werk in Kaiserslautern fünf Jahre lang gewartet hat, sind daher abgebaut worden. Den alten Arbeitsplatz gibt es nicht mehr. Im März – der junge Mechaniker plante gerade seine Hochzeit – verkündete sein Chef der Belegschaft, ein Teil der Produktion müsse geschlossen werden. Doch es gab auch eine gute Nachricht: Am gleichen Ort solle ein neues Zentrum für Medizintechnik entstehen. Wer wolle, könne in diese Sparte wechseln. Das hat Markus Bardian getan. Er heiratete, dann begann für ihn eine monatelange Umschulung bei einem Schwesterbetrieb in Baden-Württemberg. Dort lernt er jetzt, statt tonnenschwerer Vliesstoffrollen winzige Teile zu produzieren – Katheterschläuche, Magenschlingen, Dichtungsringe für Dialysegeräte.

Bardian hat Glück gehabt, er musste nicht einmal in Kurzarbeit gehen, wie einige seiner Kollegen. Vor allem aber profitiert er davon, dass seine Firma sich bemüht, möglichst viel Stammpersonal zu halten – und sie sich das auch leisten kann. Bardians alter und neuer Arbeitgeber gehört zur Unternehmensgruppe Freudenberg. Das ist eine der größten deutschen Traditionsfirmen. Mit 33.000 Mitarbeitern in 52 Ländern – davon 11.500 in Deutschland – stellt sie insbesondere Produkte für Industriekunden her, nur mit der Marke Vileda zielt sie auf Endverbraucher.

Die Krise hat den Konzern wie viele andere schwer getroffen. Etwa durch die Probleme der Autohersteller – schließlich stammen laut Freudenberg bis zu 300 Teile in einem Pkw aus der Produktion der Gruppe. Dennoch scheint das Unternehmen relativ gut für den Abschwung gerüstet. Freudenberg ist nicht an der Börse notiert, und seit der ersten Weltwirtschaftskrise vor 80 Jahren legt man großen Wert darauf, sich auch nicht zu sehr von Banken abhängig zu machen. Das 160 Jahre alte Unternehmen gehört 300 Familienmitgliedern. "Und seit vielen Jahrzehnten gibt es hier eine klare Priorität", sagt Peter Bettermann, der Chef der Firmengruppe. "Das erste Ziel lautet, das Unternehmen zu erhalten, das zweite, es als Familiengesellschaft zu erhalten, erst an dritter Stelle folgen Wachstums- und Renditeziele." Schon im Sommer 2008 begann Bettermann, die vergleichsweise großen Finanzreserven des Konzerns weiter aufzustocken. Das Verhältnis von eigenem Kapital zur Bilanzsumme (Eigenkapitalquote) stieg auf hohe 47 Prozent.

Auf Entlassungen in Deutschland hat Freudenberg weitgehend verzichtet – weil man sich den Mitarbeitern verpflichtet fühle, wie Bettermann sagt, und weil sie für eine "Know-how-basierte" Firma so wichtig seien. Deshalb sind einige Tausend Beschäftigte in Kurzarbeit. Aber: "Wir glauben nicht, dass diese Krise bald vorüber ist und die Welt danach aussieht wie zuvor." Man dürfe daher nicht nur auf Kurzarbeit setzen und auf bessere Zeiten hoffen. Im Ausland wurden Fabriken geschlossen, vor allem in Osteuropa, aber auch in den USA.

Nicht gespart wird jedoch – "das haben wir in der Gruppe klar untersagt" – an Forschung und Entwicklung. Diese Ausgaben sollen stabil bleiben. Denn der Konzernchef sieht in der Krise einen "Veränderungsbeschleuniger". Strategische Ziele, die man seit Langem verfolge, müssten jetzt noch schneller angegangen werden, etwa die Präsenz in Asien, die Brennstoffzellentechnik oder das Medizingeschäft. Freudenberg nutzt die Krise, um – zum Teil mit den alten Beschäftigten – neue Produktionslinien anzufahren. Den Umbau in Kaiserslautern lässt sich das Unternehmen über zehn Millionen Euro kosten.