Freunde von mir haben ein Haus in Brandenburg. Wenn, wie am vergangenen Wochenende, die Luft schon ein wenig nach Februar riecht und das Licht an die Farbe von Milch erinnert, nehmen wir unseren Sohn und fahren mit ihm aufs Land. Mit der S-Bahn bis nach Königs Wusterhausen, dann mit einem privaten Eisenbahnunternehmen bis an den Südzipfel des Scharmützelsees. Oft trampen meine Freunde von dort bis zu ihrem Haus. Aber es macht nicht wirklich Spaß, haben sie mir erzählt, weil oft schon das erste Auto anhält und sie mitnimmt.

Im linken Nachbarhaus wohnen Harro, der Bierkutscher, und eine alte Dame, die alle nur die Gerda nennen. Er könne alle Biere der Welt besorgen, hat Harro meinen Freunden schon kurz nach ihrem Einzug über den Gartenzaun zugerufen. Im Haus ein Stück den Waldweg entlang wohnt der Schriftsteller Günter de Bruyn, ein Nachkomme Fontanes, des Dichters der Mark Brandenburg. Sein Kollege Max Frisch hat sich einmal die Frage gestellt, wie man einer Landschaft ansieht, dass Sonntag ist. In der brandenburgischen weiß man es immer. Hier ist jeder Tag ein Sonntag.

Harro trägt oft einen Blaumann; die Gerda eine rot-blaue Kittelschürze. Aber die Gerda wohnt ja auch nicht auf den Champs-Élysées, sondern in der Straße des Friedens. Und Herr Lehmann, der ab und zu vorbeischaut, hat immer eine braune Cordhose an. Wenn er erzählt, wo im Garten meiner Freunde noch Gebeine aus den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs liegen, hören sie nicht hin. Und ich amüsiere mich über ihr Gruseln.

Warum ich das alles erzähle: weil der ehemalige brandenburgische Innenminister Jörg Schönbohm (CDU) sich gerade in der Bild- Zeitung beklagt hat, in Brandenburg gebe es "eine verbreitete Stillosigkeit – im Umgang wie bei der Kleidung". Ich kann das nicht bestätigen.