Alles ganz normal. Der Ablauf einer solchen Camorra-Hinrichtung scheint nichts anderes zu sein als: normal. Über einen auf dem Boden liegenden Toten steigen. Ganz normal. Zusehen, wie einem Menschen in den Kopf geschossen wird. Ganz normal. Nichts dagegen tun, nicht einmal schreien oder jemanden herbeirufen. Alles ist normal – keiner rennt, keiner unternimmt etwas.

Die Stadt befindet sich im Krieg, und die Menschen handeln, wie man eben handelt im Krieg, man kriecht, stiehlt sich davon, fällt tunlichst nicht auf. Schau, dass du deine Haut heil heimbringst, alles andere zählt nicht.

Es gibt die Hölle. Sie ist real in jenen fünf Minuten, die eine Überwachungskamera am 11. Mai in der Via Vergini in Neapel aufgezeichnet hat, im Sanità-Viertel. Seit dreißig Jahren sind die Menschen hier daran gewöhnt, sie reagieren, als seien sie Zeugen eines Auffahrunfalls. Der Mörder ist versiert; sehr wahrscheinlich hat er schon öfter Menschen getötet. Er sieht sein Opfer da stehen, betritt ohne Eile den Laden, dreht eine kleine Runde, geht hinaus und gibt fünf trockene Schüsse ab, wenige Zentimeter von seinem Opfer entfernt.

Die ersten Schüsse treffen, dann folgt der letzte: der "Gnadenschuss". Jeder Camorrist, der danebenschießt, bezahlt den Fehler mit seinem Leben; er muss sterben, weil er einen am Leben ließ, der nun zum Zeugen wird. Man sehe sich die Obduktionsbefunde der Camorra-Toten der letzten zehn Jahre an: Fast jedem wurde ins Gesicht geschossen oder in den Nacken, um ganz sicher zu sein, dass er tot war.

Nachdem er fünf Schüsse abgegeben hat, entfernt sich der Mörder mit der Waffe in der Hand, er wirft sie nicht weg, weil er weiß, dass jemand das Feuer erwidern könnte. Er hat sein Opfer nicht vom Motorroller aus erschossen, wie es sonst oft der Fall ist und vielleicht bequemer gewesen wäre. Das mag darauf hindeuten, dass er kein Killer aus dem Viertel ist und man ihn hier nicht kennt, er also nicht fliehen und sein Gesicht verstecken muss. Und tatsächlich erkennt sein Opfer nicht den Camorristen in ihm, es ahnt nichts von der Gefahr. Er kommt, sieht und schießt.

Auf dem Video wurde ein alltägliches Ereignis aufgezeichnet, das aber nun in aller Klarheit sichtbar wird. Es ist das erste Mal, dass eine Camorra-Hinrichtung dank eines Videos eindeutig bewiesen werden kann. Ein Beweisstück, das auf allzu drastische Weise die fantasiereichen Hinterhaltmorde dekonstruiert, die wir aus dem Kino kennen. Hier werden keine Arme ausgestreckt, um Waffen abzuwehren, es gibt kein Drohgebrüll, niemand schreit wie verrückt, und keiner verzweifelt, während ganze Magazine auf das wehrlose Opfer abgefeuert werden. Nichts von alldem. Der Tod ist fast zu banal, um wahr zu sein.

Die Hinrichtung ist ein rascher, einfacher Akt, fast stumpfsinnig. Aber ebendiese Banalität, das absurd heitere Drumherum, durch das alles gedämpft und ins Irreale verschoben scheint – ebendas lässt Zweifel an der Menschlichkeit der Anwesenden aufkommen. Wer diese Bilder sah, wird es schwer haben, Neapel und den Süden länger gegen seine angeblichen Verleumder zu verteidigen. Wer kann noch behaupten, das sei alles Schwarzmalerei, Übertreibung? Wird man noch einmal jemanden so reden hören? Tausend Expertisen und hundert Urteile werden nicht reichen, um die Gleichgültigkeit zu erklären, mit der Menschen auf diesem Video beobachten, wie ein Mensch vor ihren Augen kaltblütig hingerichtet wird.