In Ikemeleng gibt es nur eine Tageszeit, die Abwechslung verspricht: nachmittags ab vier, wenn die Schatten länger werden und die Hitze nachlässt. Dann versammeln sich die jungen Männer auf dem buckligen Bolzplatz zum Kicken. Am Spielfeldrand hocken ein paar Zuschauer auf zerbeulten Ölkanistern und feuern sie an. Norman Thobeli kommt jeden Tag, was sollte er sonst schon tun? Er ist arbeitslos.

Vor 14 Jahren kam Thobeli nach Ikemeleng. Das Apartheidsystem war soeben untergegangen, endlich durften sich auch schwarze Bürger frei in ihrem Land bewegen. Sie strömten herbei aus den entferntesten Provinzen Südafrikas und aus den Nachbarländern Sambia, Simbabwe oder Mosambik. Denn die Erde in dieser Region birgt Chrom und Platin. Die Migranten hofften auf Arbeit in einem der Bergwerke – und endeten in einer Blechhütte oder einem Bretterverschlag in Ikemeleng.

Ein trostloser Flecken. Dornenbüsche, staubige Wege, überall Müll, kein Strom, kein Wasser, keine Kanalisation. 80 Prozent der 5000 Bewohner sind arbeitslos. Ikemeleng ist ein informal settlement, eine wilde Siedlung. Sie entstand 1994, ist also genauso alt wie das neue Südafrika. "Aber wir leben immer noch in der Vergangenheit", sagt Thobeli. "Man hat uns einfach vergessen. Fortschritt kennen wir nur aus dem Fernsehen. Aber die meisten von uns besitzen keinen Fernseher."

"Eiiiiish!", ruft Thobeli. Ein Stürmer der gelben Elf hat soeben eine hundertprozentige Torchance vergeben. Platinum Real Touch heißt das Team, Platin zum Anfassen. Wenigstens der Fußball bringt ein bisschen Glanz in den Alltag, und man möchte annehmen, dass sich die Fans von Ikemeleng auf den Weltcup im nächsten Jahr freuen. "Worauf sollen wir uns freuen? Die big show findet doch ohne uns statt!", erregt sich Marcus Mputle, ein dürrer Rasta-Mann. "Nur eine Handvoll Leute kann sich die teuren Tickets im Royal Bafokeng Stadium leisten." Die WM-Arena ist zwar nur zwanzig Kilometer entfernt. Doch sie liegt in einer anderen, einer unerreichbaren Welt.

In jener fremden Welt, in einem klimagekühlten Konferenzraum in Kapstadt, zählt Brent Walters die Vorzüge der Weltmeisterschaft auf. Er ist kommissarischer Sportminister des Bundeslandes Western Cape. "Der Weltcup ist das Beste, was unserem Land seit der Wende beschert wurde", sagt er feierlich. Das Megaevent schaffe Arbeitsplätze, fördere den Tourismus. Flughäfen und Straßen entstünden, Stadien, ein neues Nahverkehrssystem. Man sei froh über all die Bauprojekte, sie hätten die Folgen der globalen Krise abgemildert. "Vor allem aber wird der Weltcup unsere Nation einen. Die gesamte Gesellschaft steht hinter ihm."

Das ist nicht richtig. Am 15. Mai 2004, an jenem historischen Tag, als der Weltfußballverband Fifa das größte aller Sportfeste erstmals nach Afrika vergab, jubelte zwar die ganze Kaprepublik. Doch kaum war die erste Euphorie verebbt, begann die kritische Selbstbefragung.

Können wir uns eine Supershow, die astronomische Summen verschlingt, überhaupt leisten? Braucht ein fragiles Schwellenland wie Südafrika nicht viel dringender Häuser, Schulen und Hospitäler als hypermoderne Fußballarenen? Welchen nachhaltigen Nutzen bringt der globale Kommerzzirkus? Könnte es sein, dass die WM dem Land am Ende sogar schadet? Vor allem weiße Südafrikaner stellen solche Fragen. Die schwarze Bevölkerungsmehrheit aber will die Fußballweltmeisterschaft, das belegen alle repräsentativen Umfragen. Sie knüpft enorme Erwartungen daran. 2010, das ist wie eine Zauberformel, die Wachstum, Wohlstand und eine bessere Zukunft verspricht.