Das Jugendhaus im Hinterhof brennt ab, zwischen den verkohlten Resten findet man Ulf – die Leiche ist fast unversehrt. Die Kommissarin Saalfeld erkennt den Tathergang: Der Mann wurde von der Empore hinabgestoßen, beim Aufschlag brach er sich den Rücken. Eva Saalfelds Gehilfe aus dem Westen findet beim Stöbern eine goldene Rose.

Die Jugendbetreuerin hat Ulf in der Theatergruppe spielen lassen, er tat ihr leid. Wer im Heim aufwuchs und Mobiles aus bunt bemalten Konservendosen bastelt, braucht eine Ersatzmutter. Wir sehen es ein und rechnen damit, dass die leibliche Mutter jede Minute auftauchen wird – es ist die Frau Professorin Wessel, eine von Zorn und Qualen zermürbte Frau. Der Gehilfe Keppler bedrängt sie, eine Tat zuzugeben, die sie nicht begangen hat. Er wird wie der Soldat einer Besatzungsmacht behandelt. Liegt es daran, dass es den Menschen beim Anblick seiner Oberlippenbartleiste graust?

SERIE: TATORT FERNSEHEN. Klicken Sie auf das Bild, um alle Besprechungen von Feridun Zaimoglu zu lesen

Wahr ist aber auch, dass sich nicht alle Männer und Frauen in der besetzten Zone der Duckmäuserei schuldig gemacht haben. Das Joch haben sie abgeschüttelt, doch sie strahlen nicht vor Glück in der neuen Zeit. Dies zu erkennen fällt Keppler schwer, er ist schließlich kein Schmerztherapeut. Also steht er vor der Brandruine und wundert sich über den Abrissbagger: Herr Kleeberg bemüht die Staatsmacht gegen die muckenden Jugendlichen. Einst hat er der Kirchengemeinde die Lagerhallen überlassen, nun muss das Jugendzentrum weichen. In seinem Auktionshaus versteigert die Tochter schon Privatbesitz, neue Zeiten bringen neue Schulden.

Eva stochert in einem anderen Wespennest, gelegentlich spitzt sie die Lippen zum Schmollmund, und wir wissen: Es arbeitet in ihrem Kopf, und sie wird fast irre davon. Ihr Hauptverdächtiger ist Mischa Celinski, ein mittelmäßiger Junge, der Boxen lernt, um groß rauszukommen. Sein Trainer Zirner entpuppt sich als ein früherer Kollege von Evas Vater – nein, tu es nicht, rufen wir aus, bitte, liebe Eva, wühl nicht in den alten Geschichten. Wieso sollte sie das unterlassen, wenn es sie in dem Mordfall weiterbringt? Zirner sieht aus wie ein SED-Bonze in Freizeitkluft, und der Herr Kleeberg pflegte damals Kontakte zu westdeutschen Geschäftsleuten. Alles weist zurück auf das Jahr, da die Leipziger Paulinerkirche gesprengt wurde. Professorin Wessel sammelt für die Restaurierung, dabei fällt sie die Passanten an wie eine Sektengläubige – kann sie, bitte schön, nicht endlich Ruhe geben?

Wir haben gut reden: Uns wurde nicht das Kind weggenommen, wir wurden nicht im Verhör geschlagen, wir wurden nicht jahrelang ins Zuchthaus gesteckt. Wir sehen schon, man wollte uns von den Menschen erzählen, die in beiden deutschen Staaten besiegt wurden. Man hat aber das Dramatische und das Läppische im falschen Verhältnis vermengt. Oh, du goldener Osten, wo sind deine wahren Poeten, die nicht alles Wulstige, Rohe und Herzzerreißende dem gefälligen Format opfern? Wir sind gespannt auf ihre Skripts.

ARD, Sonntag, 6. Dezember, 20.15 Uhr