Als Ursula von der Leyen vor einigen Monaten mit ihren wissenschaftlichen Beratern zusammensaß, erkundigten die sich besorgt nach den Zukunftsplänen der Familienministerin. In den Zeitungen lese man ständig, sie wolle ins Gesundheitsressort wechseln, ob das denn stimme? Hans Bertram, Soziologieprofessor an der Humboldt-Universität und einer der Autoren des Familienberichts, empfahl ihr schon damals, es sich noch einmal zu überlegen. Sie solle doch lieber das Arbeitsministerium übernehmen. Da ließe sich am besten Politik für Frauen und Familien machen.

Nun ist von der Leyen tatsächlich im Ressort für Arbeit und Soziales angekommen –überraschend, weil der Rücktritt von Franz Josef Jung einen Neuanfang erzwang. Viel Gelegenheit, ein Programm für das neue Ministerium zu entwerfen, hatte sie noch nicht. Ihr Vorgänger hat nichts Programmatisches hinterlassen.

Drei Punkte sind aber auch so erkennbar. Erstens: Bertram hat vermutlich recht. Zweitens: Ursula von der Leyen wird sich ändern müssen. Die Kanzlerin braucht sie als Frau für den Sozialflügel, als linkes Gesicht der Union in Berlin. Bisher kannte man die Anhängerin der Gesundheitsprämie eher als Liberale. Drittens: Die Arbeitsmarktpolitik könnte aus der Warte des politischen Beobachters interessanter werden als noch vor Kurzem zu vermuten stand.

Zunächst hatte es so ausgesehen, als seien für die kommenden vier Jahre die meisten politischen Konflikte aus der Arbeitsmarktpolitik verbannt. Die Kanzlerin hatte schließlich früh klargestellt, dass unter ihrer Führung am Kündigungsschutz etwa nicht gerüttelt werde. Kurzfristig zu regeln ist vor allem die Art und Weise, wie die Bundesagentur für Arbeit und die Kommunen zusammenarbeiten. Das ist eine harte, verfassungsrechtlich und praktisch komplizierte, aber für alle Nichtarbeitslosen doch eher technische und abstrakte Debatte. Ansonsten will die Koalition vor allem die Zuverdienstmöglichkeiten für Arbeitslose neu regeln, beide Parteien wollen eine Art Kombilohn. Das ist nicht einfach, weil alle wirkungsvollen Modelle für den Staat sehr teuer sind. Aber zwischen den Regierungsparteien ist das nicht kontrovers.

Viel härter dürfte über die Gesundheitspolitik gestritten werden. Auf diesem Feld soll nach dem Willen der Kanzlerin die FDP ihren Wunsch nach weitreichenden Sozialreformen umsetzen dürfen. Für die SPD war das ein Grund, erst mal nicht den Vorsitz des Ausschusses für Arbeit anzustreben, sondern den für das Gesundheitsressort.

Nun wäre es überraschend, wenn die Arbeitsmarktpolitik ohne Überraschungen bliebe. Auch als Familienministerin hat sich von der Leyen nicht allzu sehr um den Koalitionsvertrag oder gar den Föderalismus geschert, als sie etwa einen Ausbau der Kita-Plätze forderte. Auf jeden Fall hilft der Einblick in demografische Zwänge auch im neuen Haus. Schließlich wird schon in wenigen Jahren der – zumindest teilweise demografisch bedingte – Fachkräftemangel für die Arbeitsmarktpolitiker ein mindestens so großes Problem sein, wie es heute die Arbeitslosigkeit ist.

Der Familienexperte Bertram erwartet von der neuen Arbeitsministerin eine "lebensverlaufsorientierte Familienpolitik", was bedeuten soll, dass sie weiter stark die Berufstätigkeit von Eltern, insbesondere Müttern, unterstützt. Mehr Rentenansprüche für Eltern mit Teilzeitjobs, mehr Hilfen, die Alleinerziehenden eine Berufstätigkeit erlauben, das wären Beispiele dafür.