Das deutsche Vorbild

Es ist nicht lange her, da fluchte Paul Krugman, Nobelpreisträger und einer der prominentesten Ökonomen des Planeten, lauthals über die Deutschen. Durch ihre "Kompromisslosigkeit" und "Holzköpfigkeit" würden sie den Abschwung noch verschlimmern. Die Deutschen würden sich weigern, große Konjunkturprogramme aufzulegen. Dadurch werde die globale Krise verschärft.

Heute, ein Jahr später, ruft derselbe Paul Krugman dazu auf, von den Deutschen zu lernen. Er spricht von "Deutschlands Job-Wunder", einem Wunder, das man in den USA gar nicht richtig zur Kenntnis genommen habe, das aber "real" sei, "bemerkenswert" und die Frage aufwerfe, ob Amerika im Kampf gegen die Arbeitslosigkeit richtigliege. Die Deutschen hätten Kündigungsschutz und Kurzarbeit, erklärt der Professor aus Princeton – davon solle sich Amerika etwas abschauen.

Der Grund für diesen Rat sind die völlig unterschiedlichen Krisenerfahrungen, die die Länder derzeit machen: Während ein Jahr Rezession die Zahl der Beschäftigten in Deutschland gerade mal um 0,4 Prozent sinken ließ und nur etwa 200.000 Menschen arbeitslos wurden, brachte der Konjunktursturz in Amerika mehr als acht Millionen um ihren Lebensunterhalt. Die US-Arbeitslosenquote verdoppelte sich auf über zehn Prozent, den höchsten Wert seit einem Vierteljahrhundert – und Monat für Monat gehen weitere 100.000 Jobs verloren. Zwar wächst auch in Amerika inzwischen wieder das Bruttoinlandsprodukt, doch davon spüren die meisten Bürger nichts. Stattdessen sorgen sie sich um das Geld für ihre Wohnung oder die Krankenversicherung, sollten sie zum Opfer einer Entlassungswelle werden.

Die Unruhe ist so groß, dass Präsident Barack Obama in dieser Woche 130 Gäste zu einem Job-Gipfel nach Washington eingeladen hat. Mit den Chefs von Boeing, Google und Disney, mit Ökonomen, Gewerkschaftern und Bürgermeistern will er überlegen, wie sich mehr Arbeitsplätze schaffen lassen. Auch Paul Krugman wird dabei sein. Er sagt, bisher habe die US-Politik immer nur auf das Wachstum gezielt, doch jetzt sei Beschäftigungspolitik nötig – so wie sie in Deutschland praktiziert werde.

Kann es tatsächlich sein, dass die Bundesrepublik besser durch die Krise kommt als die Vereinigten Staaten? Dass sie besser gerüstet ist als die einst wegen ihrer Wachstumsstärke hochgelobte US-Wirtschaft? Es wäre ein Novum. Bisher fanden die Amerikaner besser aus jeder Krise. Doch vieles deutet darauf hin: Diesmal könnte es anders laufen.

Auf den ersten Blick scheinen Washington und Berlin ganz ähnlich auf den Einbruch der Wirtschaft reagiert zu haben. Sehen Sie in der Grafik, wie beide Wirtschaften schrumpften. Diesseits wie jenseits des Atlantiks gaben die Regierungen unvorstellbare Summen aus, um die Konjunktur zu stabilisieren, um Banken vor dem Untergang zu retten und Teile ihrer Industrie zu stützen; hüben wie drüben senkten Notenbanker die Zinsen und drückten zusätzliches Geld in den Wirtschaftskreislauf.

In Amerika senken die Firmen die Kosten so radikal wie nie

Doch in einem Punkt unterscheiden sich die Strategien fundamental: In Amerika senken die Firmen ihre Kosten so radikal wie kaum jemals zuvor. Sie kürzen die Löhne und bauen massiv Stellen ab, ja sie verkleinern ihre Belegschaften sogar noch stärker als ihre Produktion. Das heißt, sie stellen zehn Prozent weniger Autos her oder zehn Prozent weniger Stahlträger – sparen bei den Löhnen aber 20 Prozent ein. Unsere Grafik zeigt, wie hoch der Stellenabbau in den USA war. Das Ergebnis sind sinkende Lohnstückkosten. "So stark wie jetzt sind sie noch nie seit Beginn der Statistik zurückgegangen", sagt Harm Bandholz, US-Experte der UniCredit-Bank, "das heißt seit 1948!" Das verdeutlicht diese Grafik.

 Horten statt Rausschmeißen

In Deutschland passiert derweil das krasse Gegenteil: Die Lohnstückkosten gehen nicht zurück, sie steigen rasant an. Auch hier müssen viele Fabriken ihre Produktion herunterfahren – aber sie entlassen kaum Arbeiter. Ihre Lohnkosten bleiben also hoch, obwohl sie weniger herstellen. Der Staat bezahlt zwar Kurzarbeitergeld. Doch ein erheblicher Teil der Kosten bleibt an den Firmen selbst hängen. Rund fünf Milliarden Euro geben sie nach Berechnung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in diesem Jahr für Personal aus, das sie eigentlich nicht brauchen. Deutsche Unternehmen horten Arbeitskräfte. Sie setzen statt auf hire and fire auf hire and hold.

Die kurzfristigen Folgen dieser völlig konträren Strategien zeigen sich am Arbeitsmarkt: im geringen Anstieg der Erwerbslosenzahl hierzulande und in den immer länger werdenden Schlangen Stellensuchender in den USA. Eine Grafik veranschaulicht den Anstieg der Arbeitslosenzahlen in Amerika. Aber wird das so bleiben? In der Vergangenheit profitierte Amerika von seiner Tradition des Heuerns und Feuerns. Während einer Rezession rauschte die Arbeitslosenzahl steil nach oben, sauste danach aber genauso schnell wieder herunter. In Deutschland gingen die Jobs dagegen langsamer verloren, kehrten aber nie wieder in alter Zahl zurück. Nach jedem Konjunkturzyklus blieben mehr Menschen ohne Stelle übrig – die Sockelarbeitslosigkeit wuchs. Wie viele Langzeitarbeitslose es in Amerika gibt, zeigt folgende Grafik.

In Deutschland ist die Arbeitslosigkeit ungewöhnlich niedrig geblieben

Die übliche Begründung der Ökonomen für diese Muster lautet: Amerikanische Unternehmer haben es leichter, unrentable Betriebe zu schließen, und können Kraft und Kapital eher in neue Geschäftszweige stecken. Auch die Arbeitslosen strömten schneller in Zukunftsbranchen – statt lange auf die Rückkehr ihrer alten Stellen zu warten. Im Vergleich dazu fördere das deutsche System mit Kündigungsschutz, Kurzarbeitergeld und großzügiger Arbeitslosenunterstützung vor allem eines: das Beharren.

Wenn sich die Geschichte wiederholt, dann wird Amerika auch dieses Mal heftiger durchgeschüttelt, steht am Ende aber mit vielen neuen Jobs erstaunlich gut da. Nur – die Lage heute entspricht schon nicht mehr den alten Mustern. Vier Indizien aus den USA: In diesem Abschwung verloren mehr Amerikaner ihren Job als in den letzten sechs Rezessionen davor. Rechnet man auch diejenigen mit, die nur noch stundenweise eine Beschäftigung finden oder die Stellensuche aufgegeben haben, beträgt die Arbeitslosenquote nicht 10, sondern 18 Prozent – das ist der höchste Wert, seit das US-Arbeitsministerium diese erweiterte Statistik anbietet. Noch nie seit dem Zweiten Weltkrieg waren außerdem so viele Amerikaner nicht nur kurz, sondern länger als ein halbes Jahr arbeitslos. Dabei erwarten selbst Optimisten, dass noch ein längerer Stellenmangel bevorsteht. Und: Ganz so schnell wie einst kamen die Jobs schon in den beiden jüngsten Rezessionen nicht zurück. Nach dem Ende des New-Economy-Booms im Jahr 2000 dauerte es sechs Jahre, bis die Arbeitslosenquote annähernd auf den alten Stand gesunken war.

Hinweise, dass etwas anders läuft, gibt es auch in Deutschland. Nur mit umgekehrtem Vorzeichen. Eigentlich müssten sich die Chefs hierzulande heute leichter tun, Personal abzubauen, schließlich gibt es mehr befristete Verträge und Leiharbeitnehmer. Insofern ist der Arbeitsmarkt amerikanischer geworden. Doch statt schneller rollt die Entlassungswelle jetzt langsamer. Während aller früheren Abschwungphasen stieg die Arbeitslosenquote innerhalb der ersten drei Monate, diesmal dauerte es von Frühjahr 2008 an fast ein Jahr, bis die Kurve auch nur zuckte. Kurzarbeit erklärt diese Entschleunigung nicht, sie wurde früher schon millionenfach genutzt. Und: Der vormals feste Sockel an Arbeitslosen bröckelte im vergangenen Aufschwung schon, er scheint nicht mehr automatisch größer zu werden. "Im Vergleich zu früheren Rezessionen", wundern sich daher Experten der OECD, "ist die Arbeitslosigkeit in Deutschland ungewöhnlich niedrig."

Weltweit stolpern Fachleute derzeit über verblüffende Zahlen. Denn in vielen anderen Ländern steigt die Arbeitslosigkeit nicht so stark, wie es die Schwere der Krise eigentlich erwarten ließe. Auch in Japan, Italien oder den Niederlanden schrumpfte das Bruttoinlandsprodukt drastisch, doch das kostete relativ wenige Stellen. Konjunkturforscher der Bundesbank haben eine Erklärung gesucht – sind es Programme wie die Kurzarbeit, ist es der Kündigungsschutz? –, doch eine einfache Antwort haben sie nicht gefunden. Es wirken in den jeweiligen Ländern erstaunlich viele Faktoren zusammen.

Der wichtigste: Die Krise trifft unterschiedliche Teile der Volkswirtschaften. In den USA hat sie, ähnlich wie in Spanien oder Großbritannien, praktisch alle Branchen erfasst. Vom Computerspielproduzenten bis zum Landmaschinenhersteller, vom Bau bis zum Einzelhandel – überall sind die Umsätze eingebrochen. Allein in Amerikas Läden und Einkaufszentren gingen eine Million Jobs verloren. In Deutschland dagegen konzentriert sich der Absturz immer noch auf die Exportindustrie. Die hat aber trotz Nachfragerückgang an einem Großteil ihres Personals festgehalten – so gelang es, ein Übergreifen der Krise auf andere Sektoren zu verhindern.

 Horrorszenarien außer Sichtweite

Dass das bisher möglich war, liegt nicht nur am Kurzarbeitergeld, sondern auch an der Exportbranche selbst. Sie braucht mehr als jede andere ihre Fachkräfte, sie hat Mechanismen entwickelt, um Konjunkturschwankungen ohne Entlassungen durchzustehen – Arbeitszeitkonten sicherten laut einer Befragung des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts in Düsseldorf in dieser Rezession mehr Jobs als die Kurzarbeit. Und diese Branche verdiente in den vergangenen Jahren so gut, dass sie eine Durststrecke auch finanzieren kann. Dazu kommt das Kurzarbeitergeld. "Hätten wir eine Baukrise wie in den USA oder Spanien", meint Roland Döhrn, Konjunkturexperte des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI), "wären trotz allem auch bei uns viel mehr Stellen gestrichen worden."

"Unsere Wirtschaft ist intakt. Die Probleme der USA sind gravierender"

Auf Dauer werden die Unternehmen nicht alle Stellen halten können. Aber kein Experte glaubt mehr an die Horrorszenarien, die vor einigen Monaten noch kursierten. "Deutschland könnte sogar vorbildlich durch diesen Abschwung kommen", meint Joachim Möller, Direktor des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. "Die Strategie, Arbeitskräfte in den Betrieben zu halten, ist in der aktuellen Konjunkturkrise richtig. Es sieht so aus, dass wir nur in Teilmärkten eine tiefere, strukturelle Krise erleben."

Selbst die gestiegenen Lohnstückkosten, die Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit verringern, betrachten viele Ökonomen nicht als Warnsignal. US-Experte Bandholz: "Man muss das im Zusammenhang sehen – in Deutschland sind diese Kosten über Jahre kaum gestiegen. Wenn die Amerikaner jetzt ihre Betriebe umstrukturieren und Kosten senken, holen sie im Grunde nur nach, was wir nach 2000 schon gemacht haben."

Auch RWI-Experte Döhrn sieht Deutschland in einer vergleichsweise guten Position: "Im Kern ist unsere Wirtschaft ja intakt, wir haben keine Immobilienblase und keine Baukrise, die Haushalte sind nicht überschuldet, und viele Unternehmen stehen gut da, selbst wenn jetzt die eine oder andere Exportstrategie nicht mehr aufgeht." Die Probleme in den USA seien viel gravierender.

Dort wird die Arbeitslosigkeit immer mehr zur Belastung für die Konjunktur. Die Sozialsysteme sind darauf ausgerichtet, kurzfristige Einkommensausfälle zu überbrücken. Obwohl die Arbeitslosenunterstützung, die normalerweise auf sechs Monate begrenzt ist, mehrmals verlängert wurde, werden bis Januar eine Million Amerikaner ihren Anspruch ausgeschöpft haben. Die Zahl der US-Bürger, die sich für zahlungsunfähig erklären, ist seit 2008 um 30 Prozent gestiegen. Hypothekenbanken melden die höchste Zahl an Zwangsversteigerungen seit Einführung der Statistik. "Diese zweite Welle hat die Arbeitslosigkeit ausgelöst, sie könnte eine konjunkturelle Abwärtsspirale in Gang bringen", warnt Heidi Shierholz vom Washingtoner Wirtschaftsforschungsinstitut EPI.

Auch die Notenbank Fed sieht im schwachen Arbeitsmarkt eines der größten Konjunkturrisiken. In einer Sitzung der Geldpolitiker warnten Teilnehmer zuletzt vor einem Aufschwung, der kaum Jobs bringt. Die Fed schätzt, dass die Arbeitslosenquote im Jahr 2012 noch sieben bis acht Prozent beträgt. Shierholz erwartet acht Prozent bis 2014. "Und das ist ein Wert, wie wir ihn sonst nur bei einer schweren Rezession erleben."