"Mir geht's besser als meinen Film-Figuren"

ZEITmagazin: Mister Allen, im Flugzeug nach New York lief im Bordprogramm die New-York-Romanze Harry und Sally ...

Woody Allen: ...ein guter Film! Sind Sie denn nach der Landung auch gleich zu Katz’s Delicatessen gegangen? Da spielt ja die berühmteste Szene des Films: Sally zeigt ihrem Freund Harry, wie man einen Orgasmus vortäuscht.

ZEITmagazin: Ja, ich war da, aber alleine.

Allen: Sind die Pastrami-Sandwiches dort immer noch so gut?

ZEITmagazin: Sind sie.

Allen: Dachte ich mir.

ZEITmagazin: In Harry und Sally geht die verklemmte Provinzlerin Meg Ryan nach New York und wird dort zu einer urbanen, offenen, sinnlichen Frau. Könnte man sagen, dass es zwei Arten von New-York-Filmen gibt? In den einen ist die Stadt hart, verkommen, korrupt, so wie bei Sidney Lumet und Martin Scorsese. In den anderen ist New York eine kultivierte Stadt mit wunderbarem Einfluss auf ihre Einwohner. So wie bei Ihnen. 

Allen: Im Allgemeinen denke ich mir eher komische Geschichten aus, was natürlich auf das Bild der Stadt abfärbt. Aber manchmal geht es auch in meinen New-York-Filmen um Mord. Etwa in Verbrechen und andere Kleinigkeiten. Oder in Manhattan Murder Mystery, obwohl das auch eine Komödie ist. Es fällt mir schwer, meine Zuneigung zu New York zu verbergen. Für mich ist diese Stadt allen anderen Städten in den USA unendlich überlegen. Ich kann mir jedenfalls nicht vorstellen, jeden Morgen in Denver oder Santa Fe aufzuwachen und vor dem Frühstück ein Lasso über irgendeine Kuh werfen zu müssen, um sie zu melken.

ZEITmagazin: In Ihrem neuen Film Whatever Works, der in dieser Woche in Deutschland anläuft, spielen Patricia Clarkson und Ed Begley jr. ein konservatives Ehepaar aus der Provinz, das durch New York geradezu befreit wird. Vor allem sexuell.

Allen: Man könnte durch meinen Film auf die Idee kommen, dass alle New Yorker Männer entweder schwul oder mit wesentlich jüngeren Frauen verheiratet sind. Und dass alle Frauen in New York irgendwann mit zwei Liebhabern zusammenleben. Das mag etwas zugespitzt sein. Im Vergleich zur amerikanischen Provinz haben wir aber durchaus ein entspanntes Verhältnis zur Sexualität. Alles ist dort Ausdruck von Angst und sexueller Repression: der religiöse Wahnsinn, der Waffenfanatismus, die übergeschnappten Rechten, eine von zweifelhaften Sittengesetzen geprägte Sicht der Sexualität. In der Provinz ist man gegen die gleichgeschlechtliche Heirat, gegen Abtreibung, im Extremfall auch gegen Verhütung. In manchen Staaten gibt es sogar Gesetze gegen Oralsex. Selbst Ehepartner brechen das Gesetz, wenn sie im Bett bestimmte Stellungen praktizieren.

ZEITmagazin: In Whatever Works wird die Hausfrau aus den Südstaaten in New York zur gefeierten Fotografin. Ihre Tochter gewinnt allerhand Lebenserfahrung durch die Liebe zu einem dreißig Jahre älteren Mann. Ist der wandlungsfähige Mensch die Utopie des späten Woody Allen?

Allen: Die Vorstellung, dass Menschen ihre Vorurteile, auch gegenüber sich selbst, überwinden, hat mir schon immer gefallen. Und ja, vielleicht gefällt sie mir im Alter zunehmend. Bin ich altersmilde? Vielleicht. Auch in meinem vorigen Film Vicky Cristina Barcelona reagieren die Figuren nicht so, wie man es erwarten würde. Statt eines Eifersuchtsdramas gibt es eine wunderschöne Ménage à trois zwischen Scarlett Johansson, Javier Bardem und Penélope Cruz. Es ist doch schön, Kinofiguren in Konstellationen zu führen, die sie nicht von sich erwarten.

ZEITmagazin: In Ihren in Europa gedrehten Filmen inszenieren Sie Liebe und Sex viel sinnlicher als in Ihren amerikanischen, wo Sexualität eher neurotisch wirkt. Wie kommt das?

Allen: In Amerika war Sex schon immer ein ungemein wichtiges Thema, dem man sich nur auf feierliche, pompöse Weise nähern kann. Als die sexuelle Befreiung in den USA auch auf das Kino übergriff, dachte man, man könne Sex nun auf der Leinwand als Ersatz für Dramatik und gute Geschichten verwenden. Plötzlich glaubten die amerikanischen Filmemacher, eine ausführliche Sexszene auf der Leinwand sei ungemein spannungsgeladen. In Wahrheit sind solche Szenen aber einfach langweilig. Für die sexuell unterdrückten Provinzler im Publikum, die ja die Mehrheit darstellen, sind sie natürlich immer noch etwas ganz Besonderes. Weil sie so infantil sind.  

ZEITmagazin: Und in Europa?

"Mir geht's besser als meinen Film-Figuren"

Allen: Da liegen die Dinge anders. In Europa ist Sexualität ein normaler Teil des Lebens und nicht diese große, sündige Sache. In europäischen Filmen dient Sex dazu, Mann und Frau, Mann und Mann oder Frau und Frau in ihrem Zusammenleben und in ihren Konflikten zu zeigen. In den USA wird Sex als eine dramaturgische Waffe benutzt, wie die Gewalt. Das sagt viel aus über den Unterschied zwischen unseren Kulturen.

ZEITmagazin: Sie meinen, einer Szene wie der in Basic Instinct, für die sich jahrelang die Bezeichnung "Fick des Jahrhunderts" hielt, würde man in einem europäischen Film nicht begegnen?

Allen: Ach ja, der Fick des Jahrhunderts. Und der Kameraschwenk zwischen Sharon Stones Beine, angeblich ohne Slip. Das ist für uns Amerikaner ein Erweckungserlebnis. Dabei könnte man eine schöne Frau wie Sharon Stone auf der Leinwand so unendlich viel verführerischer zeigen. Aber dafür muss man von ihr und ihrer Ausstrahlung ausgehen, statt sie einfach nur mit Michael Douglas ins Bett zu stecken.

ZEITmagazin: Vielleicht sollten Sie wieder einmal mit Sharon Stone arbeiten. 

Allen: Sie war sehr, sehr gut in ihrer kleinen Rolle in Stardust Memories . Es war ihr erster Film. Manchmal begegnen wir uns. Sie ist eine wunderbare Frau, eine wirklich gute Schauspielerin, aber bisher hatte ich einfach keinen Part für sie.

ZEITmagazin: Über den Umgang der Amerikaner mit Sex wurde auch im Zusammenhang mit dem Fall Roman Polanski viel gesprochen. Weshalb haben Sie gemeinsam mit Martin Scorsese, David Lynch, Pedro Almodóvar und anderen eine Petition unterzeichnet, die sich gegen Polanskis Verhaftung ausspricht? 

Allen: Aus sehr präzisen Gründen. Es besteht kein Zweifel daran, dass Roman ein Verbrechen begangen hat. Er saß jetzt schon monatelang im Gefängnis. Er musste damals aus den Vereinigten Staaten fliehen, seine ganze Existenz zurücklassen und konnte niemals zurückkommen. Er konnte eine Menge Länder nie besuchen, weil sie ihn an die USA ausgeliefert hätten. Er hat dreißig, fünfunddreißig Jahre lang als anständiger, produktiver Bürger gelebt. Er hat seitdem niemandem wehgetan. Nebenbei hat er einen kulturellen Beitrag geleistet, Filme gedreht. Er hat einen Preis für sein Verhalten bezahlt, er hat sich geschämt. Ich finde, es gibt in den USA andere Verbrecher, die man verfolgen sollte, und nicht einen 76-Jährigen, der sich seit Jahrzehnten nichts hat zuschulden kommen lassen. Ich habe die Petition unterzeichnet, weil ich an Polanskis Verhaftung nichts Vernünftiges erkennen konnte.

ZEITmagazin: Sind Sie nachsichtig mit Polanski, weil Sie ihm als Künstler einen Sonderstatus zubilligen?

Allen: Im Gegenteil. Ich finde, Künstler haben es im Allgemeinen zu leicht. Sie haben sowieso schon zu viele Privilegien. Sie werden verhätschelt, und zwar weit über das hinaus, was sie verdienen. Meine Unterstützung von Polanski hat wirklich nichts damit zu tun, dass er ein Künstler ist. Ich finde nur, dass Kalifornien andere, wichtigere Probleme hat. Man sollte dort lieber versuchen, die drive-by shootings zu verhindern, als Polanski ins Gefängnis zu stecken.

ZEITmagazin: Das eine hat aber mit dem anderen nicht viel zu tun.

Allen: Stimmt. Ich kann nicht viel mehr dazu sagen, als dass ich den Umgang der Amerikaner mit Polanski nicht in Ordnung finde.

ZEITmagazin: Während der vergangenen fünf Jahre haben Sie Ihre Filme außerhalb Amerikas gedreht. Mit Whatever Works sind Sie zurückgekehrt. In dem Film sagt Ihr Alter Ego, der Philosoph und Misanthrop Boris Yellnikoff: "Amerika ist eine schändliche, gewalttätige, vorurteilsbeladene, ungebildete, sexuell unterdrückte, selbstgerechte Nation."

Allen: Ich könnte ihm nicht wirklich widersprechen. In jedem Fall sind wir übergewichtig und sexuell verklemmt. Und der Rest stimmt irgendwie auch. Ein vernünftiger Mensch kommt gar nicht umhin, in den USA an vielem Anstoß zu nehmen. 

ZEITmagazin: Ihr Alter Ego sagt auch: "Selbst wenn ein schwarzer Präsident ins Weiße Haus gewählt wird, er bekäme immer noch kein Taxi in New York." 

Allen: Die Leute dachten, die Wahl von Barack Obama sei ein großer Fortschritt, was die Beziehungen zwischen den Rassen betrifft. Und in der Tat war es ein großer Fortschritt für die afroamerikanische Community. Aber Obamas Wahl hat natürlich keine Auswirkung auf die Vorurteile, die in den Herzen so vieler Amerikaner lauern. Ein Afroamerikaner hat in den USA immer noch ständig mit Diskriminierung zu tun. Niemand kann bestreiten, dass das Leben, der Alltag, die Ausbildung und Karriere für Schwarze viel schwieriger als für Weiße sind. Wir waren immer eine Sklavenhalternation, wir sind voller Vorurteile. Hier, im Umfeld der Park Avenue, ist es für einen Schwarzen kein Spaß, in eines dieser schicken Gebäude hineinzukommen. Das betrifft nicht nur Afroamerikaner, wir diskriminieren Menschen aller erdenklichen Religionen und Rassen.

Vor nicht allzu langer Zeit gab es an medizinischen Hochschulen begrenzende Quoten für jüdische Studenten. Schwarze konnten nicht von denselben Wasserhähnen trinken wie Weiße. Das ist nicht fünfhundert Jahre her. Das geschah noch während meines Erwachsenenlebens! Als ich ein Teenager war, war es Schwarzen verboten, Profisportler zu werden. Irgendwann kam der erste, und so begann ganz langsam, gegen zähe Widerstände, eine Liberalisierung. Jetzt können Schwarze zwar Profisportler werden, aber immer noch kein Haus in einem schicken weißen Viertel kaufen. Und wenn Sie in New York Taxifahrer sind und um elf Uhr abends einen Farbigen sehen, der Ihnen zuwinkt, dann halten Sie vielleicht. Vielleicht aber auch nicht.

"Mir geht's besser als meinen Film-Figuren"

ZEITmagazin: Eine Ironie dabei ist, dass ein Afroamerikaner, der eines der Luxusgebäude in der Park Avenue betreten will, oft erst mal an einem schwarzen Türsteher vorbeikommen muss.

Allen: Im Moment sind die meisten Türsteher Hispanics. Die ethnischen Jobs unterliegen hier nämlich auch gewissen Moden. Es gab mal eine Zeit, in der die meisten Taxifahrer jüdisch waren. Dann kamen die schwarzen Taxifahrer, dann die Hindus, je nachdem, welche Jobs sich plötzlich für welche Bevölkerungsgruppen öffneten. Auf der Freiheitsstatue steht zwar: "Gebt mir eure Müden, eure Armen, eure geknechteten Massen." Aber als die Iren, die Italiener und die Juden in die USA strömten, schrie hier niemand: "Willkommen, ihr Geknechteten!" Nein, die Leute riefen: "Raus hier, wir wollen euch hier nicht haben!" All diese Gruppen mussten kämpfen, im physischen Sinne auf der Straße kämpfen, um sich ihren Platz in dieser Gesellschaft, im Alltag, im Arbeitsleben zu erobern. Amerika war nie der Garten Eden, in dem jeder mit Früchten überschüttet wurde. Sondern ein Land, das von Vorurteilen und Bigotterie geprägt ist.

ZEITmagazin: Dennoch ist da immer noch Ihr New York.

Allen: Ich zeige in meinen Filmen das New York, das ich kenne. Ich beschönige nichts und mache auch nichts schlecht.

ZEITmagazin: In Ihrem neuen Film sieht die Stadt aus wie eh und je. Der Anschlag auf das World Trade Center, die Gentrifizierung oder auch die Wirtschaftskrise sind an Ihrer Kinostadt spurlos vorübergegangen. 

Allen: Nach dem 11. September 2001 fragte mich alle Welt, ob die Stadt jemals wieder die alte werden könne. Und ich sagte: "Natürlich!" Ich will nicht behaupten, dass sich die Stadt in den letzten Jahren nicht verändert hätte. Sie ist aber in ihrem Wesen gleich geblieben. Auch wenn Sie ein Jahr vor dem 11. September hier in meinen Schneideraum gekommen wären, hätten Sie rundherum dasselbe gesehen. Sie wären zum Madison Square Garden gegangen, hätten eine Broadway-Aufführung besucht, wären essen und shoppen gegangen. Es ist nicht so, dass die Leute hier seit dem 11. September mit Gewehren herumlaufen oder dass man vor dem Betreten eines Geschäfts seine Fingerabdrücke abgenommen bekommt. Die Stadt überlebt. Und sie bleibt sich treu.

ZEITmagazin: Irgendwie sind Sie selbst wie New York.

Allen: Ja. (Pause) Ja, da ist was dran. 

ZEITmagazin: Haben Sie sich in den letzten Jahren nicht auch ein bisschen verändert?

Allen: Kaum.

ZEITmagazin: Sie haben zwei kleine Töchter und sind mit einer wesentlich jüngeren Frau verheiratet.

Allen: Gut, meine Prioritäten haben sich verändert. Ich habe eine Familie, und sie geht immer vor. Ich kam aber schon immer gut mit Kindern klar. Besser als mit Erwachsenen. Heute Abend gehe ich mit meiner zehnjährigen Tochter zu einem Basketballspiel. Vor zwei Tagen schauten wir uns die von Martin Scorsese restaurierte Fassung von Die roten Schuhe an. Das sind so die Freuden des Alltags. 

ZEITmagazin: Wie fängt ein Tag bei der Familie Allen an? 

Allen: Ich wecke meine Töchter auf, dafür hassen sie mich. Dann bringe ich sie zur Schule. Dann gehe ich arbeiten. Ich schreibe oder gehe in den Schneideraum.

ZEITmagazin: Wie endet der Tag?

Allen: Da ich früh aufgestanden bin, komme ich früh nach Hause. Nach dem Essen setze ich mich in den Sessel. Rechts steht ein Bier. Dann schaue ich mir Baseball im Fernsehen an.

"Mir geht's besser als meinen Film-Figuren"

ZEITmagazin: Lesen Sie?

Allen: Nicht viel. Wegen meiner Brille hält man mich für einen Intellektuellen, der darauf brennt, nach Feierabend Kierkegaard zu lesen oder Bleistiftnotizen in Aufsätze über Hegel zu schreiben. Das ist aber ein Irrtum. Mein erstes Buch las ich mit achtzehn. Und zwar nur, um die Mädchen zu beeindrucken. Ich war ein guter Sportler, aber das glaubt mir niemand.

ZEITmagazin: Manche Dinge kann man sich bei Ihnen einfach nicht vorstellen. Haben Sie schon mal etwas gebügelt? 

Allen: In den frühen Siebzigern gab es ein, zwei Versuche, ein Hemd zu bügeln.

ZEITmagazin: Haben Sie schon mal gegoogelt?

Allen: Ich habe keinen Computer. Meine Töchter haben welche, aber ich habe keine richtige Vorstellung von so einem Ding. Es interessiert mich auch nicht.

ZEITmagazin: Wie schreiben Sie?

Allen: Auf einer alten Schreibmaschine. Ich kann aber nicht das Farbband wechseln. Früher habe ich hin und wieder einen Freund zum Abendessen eingeladen, der das konnte. Am Ende des Abends sagte ich wie nebenbei: "Ach, wo du gerade hier bist, kannst du mir noch das Farbband wechseln?"

ZEITmagazin: Haben Sie sich dem technischen Fortschritt schon immer verweigert?

Allen: Ich habe mich noch nie für den technischen Fortschritt interessiert. Er langweilt mich. Ich liebe Musik, habe aber keine teure Hi-Fi-Anlage. Ich mag alte Platten, lege sie auf einen alten Plattenspieler und freue mich, wenn die Nadel die Rille trifft und ein guter Sound herauskommt. Mehr brauche ich nicht. Ich brauche keine Maschine, die ein Album 48 Stunden am Stück spielen kann. 

ZEITmagazin: Sind Sie konservativ oder einfach zu faul, um etwas Neues zu lernen?

Allen: Ich habe einfach kein Interesse daran, etwas Neues zu lernen.  

ZEITmagazin: Mögen Sie Traditionen? Feiern Sie mit Ihrer Familie Weihnachten?

Allen: Nicht im religiösen Sinne. Aber es gibt einen Baum und Geschenke für die Kinder.

ZEITmagazin: Wer kauft den Baum?

Allen: Meine Frau sucht ihn aus und lässt ihn liefern.

"Mir geht's besser als meinen Film-Figuren"

ZEITmagazin: Würden Sie Ihren Kindern eine CD mit Rapmusik zu Weihnachten schenken, wenn sie sich eine wünschen? 

Allen: Nein, ich würde ihnen keine Rap-CD schenken, weil mich Rap nicht interessiert. Ich würde ihnen etwas schenken, das ich kenne. Aber egal, welche Musik ich ihnen schenke: Sie finden sowieso ihren eigenen Weg. Selbst wenn ich zu Hause den ganzen Tag klassische Stücke oder Opern spielen würde: Wenn ihre Mitschüler Rap mögen, dann hören sie Rap.

ZEITmagazin: Welche CDs schenken Sie denn nun Ihren Kindern?

Allen: Jazz, Cole Porter, klassische Musik, Aufnahmen des spanischen Gitarristen Andrés Segovia. Ich habe aber wirklich nicht das Gefühl, dass ich großen Einfluss auf die beiden habe.

ZEITmagazin: Geben Sie Geld für Luxus aus?

Allen: Ich habe kein Haus in den Hamptons. Ich habe keine Jacht. Ich trage Hosen und Hemden und Pullover, die nicht besonders teuer sind. Das Einzige, was ich mir leiste, ist ein Wagen mit Chauffeur.

ZEITmagazin: Es ist bekannt, dass Sie fürchterliche Angst vor dem Tod haben. Wofür fürchten Sie sich im Alltag?

Allen: Vor Krankheiten. Außerdem habe ich Agoraphobie und Klaustrophobie. In Aufzügen und Flugzeugen bin ich nervös. Bis ich vierzig wurde, konnte ich nur bei angeschaltetem Licht schlafen. Ich habe eine Neigung zum Depressiven. Aber eigentlich geht es mir gut. 

ZEITmagazin: Was ist Ihre Lebensphilosophie?

Allen: Man muss versuchen, das Beste draus zu machen. Egal, ob das bedeutet, dass man keine Kinder hat oder viele. Ob man viel arbeitet oder gar nicht. Ob man mit einer viel jüngeren oder einer viel älteren Frau lebt. Oder mit zwei Frauen. Oder mit drei Ehemännern.

ZEITmagazin: Sind Sie ein glücklicher Mensch? 

Allen: Ich bin in einer glücklichen Phase meines Lebens. Mir geht es besser als den meisten meiner Filmfiguren. Meine Mutter wurde 98 Jahre alt, mein Vater 100. Keine schlechten Aussichten.

Das Gespräch führte Katja Nicodemus