ZEITmagazin: Eine Ironie dabei ist, dass ein Afroamerikaner, der eines der Luxusgebäude in der Park Avenue betreten will, oft erst mal an einem schwarzen Türsteher vorbeikommen muss.

Allen: Im Moment sind die meisten Türsteher Hispanics. Die ethnischen Jobs unterliegen hier nämlich auch gewissen Moden. Es gab mal eine Zeit, in der die meisten Taxifahrer jüdisch waren. Dann kamen die schwarzen Taxifahrer, dann die Hindus, je nachdem, welche Jobs sich plötzlich für welche Bevölkerungsgruppen öffneten. Auf der Freiheitsstatue steht zwar: "Gebt mir eure Müden, eure Armen, eure geknechteten Massen." Aber als die Iren, die Italiener und die Juden in die USA strömten, schrie hier niemand: "Willkommen, ihr Geknechteten!" Nein, die Leute riefen: "Raus hier, wir wollen euch hier nicht haben!" All diese Gruppen mussten kämpfen, im physischen Sinne auf der Straße kämpfen, um sich ihren Platz in dieser Gesellschaft, im Alltag, im Arbeitsleben zu erobern. Amerika war nie der Garten Eden, in dem jeder mit Früchten überschüttet wurde. Sondern ein Land, das von Vorurteilen und Bigotterie geprägt ist.

ZEITmagazin: Dennoch ist da immer noch Ihr New York.

Allen: Ich zeige in meinen Filmen das New York, das ich kenne. Ich beschönige nichts und mache auch nichts schlecht.

ZEITmagazin: In Ihrem neuen Film sieht die Stadt aus wie eh und je. Der Anschlag auf das World Trade Center, die Gentrifizierung oder auch die Wirtschaftskrise sind an Ihrer Kinostadt spurlos vorübergegangen. 

Allen: Nach dem 11. September 2001 fragte mich alle Welt, ob die Stadt jemals wieder die alte werden könne. Und ich sagte: "Natürlich!" Ich will nicht behaupten, dass sich die Stadt in den letzten Jahren nicht verändert hätte. Sie ist aber in ihrem Wesen gleich geblieben. Auch wenn Sie ein Jahr vor dem 11. September hier in meinen Schneideraum gekommen wären, hätten Sie rundherum dasselbe gesehen. Sie wären zum Madison Square Garden gegangen, hätten eine Broadway-Aufführung besucht, wären essen und shoppen gegangen. Es ist nicht so, dass die Leute hier seit dem 11. September mit Gewehren herumlaufen oder dass man vor dem Betreten eines Geschäfts seine Fingerabdrücke abgenommen bekommt. Die Stadt überlebt. Und sie bleibt sich treu.

ZEITmagazin: Irgendwie sind Sie selbst wie New York.

Allen: Ja. (Pause) Ja, da ist was dran. 

ZEITmagazin: Haben Sie sich in den letzten Jahren nicht auch ein bisschen verändert?

Allen: Kaum.

ZEITmagazin: Sie haben zwei kleine Töchter und sind mit einer wesentlich jüngeren Frau verheiratet.

Allen: Gut, meine Prioritäten haben sich verändert. Ich habe eine Familie, und sie geht immer vor. Ich kam aber schon immer gut mit Kindern klar. Besser als mit Erwachsenen. Heute Abend gehe ich mit meiner zehnjährigen Tochter zu einem Basketballspiel. Vor zwei Tagen schauten wir uns die von Martin Scorsese restaurierte Fassung von Die roten Schuhe an. Das sind so die Freuden des Alltags. 

ZEITmagazin: Wie fängt ein Tag bei der Familie Allen an? 

Allen: Ich wecke meine Töchter auf, dafür hassen sie mich. Dann bringe ich sie zur Schule. Dann gehe ich arbeiten. Ich schreibe oder gehe in den Schneideraum.

ZEITmagazin: Wie endet der Tag?

Allen: Da ich früh aufgestanden bin, komme ich früh nach Hause. Nach dem Essen setze ich mich in den Sessel. Rechts steht ein Bier. Dann schaue ich mir Baseball im Fernsehen an.