Salzburg macht den Anfang. Inneralpines Brauchtum, mit dem die Vorfahren einst ihrem Leben Sinn gaben, kämpft heute, im digitalen Zeitalter, ums Überleben. Deshalb soll nun eine Reihe besonders kostbarer Traditionen auf einer speziellen Unesco-Liste unter Schutz gestellt werden, darunter beispielsweise die Sitte, im sommerlichen Lungau Prozessionen mit riesenhaften Samson-Figuren abzuhalten, ein Brauch, der ursprünglich die gegenreformatorische Glaubensfreude in dem ketzerischen Landstrich stärken sollte. Allerdings hätten es viele österreichische Sitten, auch durchaus moderne, verdient, in den Kanon der internationalen Folklore aufgenommen zu werden, etwa, weil es gerade Aktualität besitzt, der vorweihnachtliche Kniefall der Regierung bei den Verhandlungen um die Beamtengehälter.

Im weiteren Jahreskreis dürfte auch der alljährliche Kasperlauftritt des jeweiligen FPÖ-Obmanns am Aschermittwoch nicht vergessen werden, der den Fasching erfreulicherweise um einen Tag verlängert. In direktem Kontext dazu steht das beliebte Hunderter-Verschenken des Kärntner Landeshauptmanns, das an bessere Zeiten erinnert, da das Land noch von einem Heilsbringer regiert wurde. Das Ritual der nationalen Politik, sich gebetsmühlenartig zu einem unabhängigen ORF zu bekennen, zählt hingegen zu den lustigsten Beispielen österreichischer Folklore. Es beruht auf der fürsorglichen Übereinkunft, das Volk als strohdumm einzuschätzen. Wenn das nicht eines Weltkulturerbes würdig ist, was sonst?