Als die Klassengesellschaft in den antiken Imperien den ersten Gipfel ihrer Pracht erreichte, war die Ungleichheit unerträglich und das Unrecht der Herrschaft so offensichtlich geworden, dass der Gott eines kleinen Sklavenvolks die Seinen zum Aufstand gegen die mächtigen Pharaonen anstachelte und deren gewaltiges Heer mit Mann und Maus in einem "roten Meer des Bürgerkriegs" (Marx) ertränkte.

Seit jenen Tagen ließ sich die Erinnerung an die ursprüngliche Gleichheit aller Menschen nicht mehr durch die Theodizeen des Glücks rechtfertigen. Diese Theodizeen des Glücks, an die wir laut Peter Sloterdijk heute wieder glauben sollen, rechtfertigen gesellschaftlich produziertes Elend durch die Gunst der Götter für die vorgeblich Besten. Aber sie funktionieren nur in kleinen, überschaubaren Klassengesellschaften wie dem alten Athen, das in seiner besten Zeit knapp 80.000 Bewohner zählte. Hier konnte das Glück, anders als in den Imperien Ägyptens, Chinas oder Roms, noch jeden jederzeit nach oben spülen. Deshalb ließen sich die ungleichen und auch hier schon – wie die überlieferten Berichte gewitzter Zeitgenossen zeigen – fast immer ungerechtfertigten Verteilungen von Reichtum, Macht und Lebenschancen mit der Götter Gunst rechtfertigen.

Das Pech, unten gelandet zu sein, blieb deshalb erträglich, weil man erwartete, mit der nächsten Generation würden die Götter für Ausgleich sorgen. In diesen glücklichen Gesellschaften wurden die staatstragende Mittelschicht und ihre besserverdienenden Preisträger und Parteien noch nicht vom Steuerstaat entwürdigt und gedemütigt, für ihre Leistung bestraft und ins Elend gestürzt. Sie wurden allenfalls, wie am Ende von Heinrich Heines berühmtem Gedicht über den biblischen König Nebukadnezar, von ihren "Knechten umgebracht".

Als aber die antiken Klassengesellschaften erst einmal zu großen Imperien geworden waren, die sich von Peking bis Rom erstreckten, war es mit den schönen Theodizeen des Glücks vorbei. Die Ungleichheit war unerträglich, das Unrecht offensichtlich, die Lage der Unteren hoffnungslos, und die Oberen hatten Vorkoster, die an ihrer statt starben. Niemand mehr kam auf die Idee, die Erfolgreichen mit den Gerechten und die Glücklichen mit den Besten zu verwechseln. Zu groß war die Zahl der Gegenbeispiele geworden.

Das war die Geburtsstunde der monotheistischen Erlösungsreligionen und ihrer grausamen Theodizee des Leidens. Sie predigten nicht nur die Barmherzigkeit, sondern auch späteren Ausgleich und – mit Hegels Ausdruck – "rächende Gewalt". Dieser Ausgleich wurde freilich auf die ferne Ankunft des Messias oder das Jüngste Gericht verschoben, das selbst Königen und Päpsten mit Höllenqualen drohte. Das war eine Revolution. Der Pechvogel, der Verlierer, der Elende und Gedemütigte, der Ausgestoßene und Beleidigte, der Arbeitslose und Arbeitsscheue, der mit den versoffenen Eltern, mit dem schlechten Pass und der stinkenden Nachbarschaft, kurz: der ungebildete Bauer und der rechtlose Sklave wurden plötzlich gleich im Angesicht des allmächtigen Gottes.

Es ist das Schicksal dieser Subjekte, die in den biblischen Religionen zum Modell einer universellen, einer negativen und kritischen Gerechtigkeit wurden. Sie entsprang der Erfahrung des Unrechts. Noch nicht einmal der Unterschied der Geschlechter wurde von der "Sklavenmoral" (Nietzsche) der Juden und Christen anerkannt. Freilich war deren Gedanke universeller Gerechtigkeit so gefährlich für die Herrschenden, dass er nur in Form späteren Ausgleichs zugelassen werden konnte und in den Himmel projiziert werden musste.

Erst in dieser entschärften Form war die monotheistische Idee der Gerechtigkeit denen, die im Verbund mit ihren mächtigen Familien gelernt hatten, für Jahrhunderte oben zu bleiben und das "Unrecht wie Wasser zu trinken" (Kant), nützlicher als jede andere Ideologie – die christliche Vertröstung ließ die Herrschaft ruhig schlafen. Von da an gräbt sich, mit einem Wort von Michael Stolleis, die Ungleichheit tief in die Gesellschaft ein und wird für Jahrtausende ihr Zeichen: Quod licet Iovi, non licet bovi. Was Jupiter darf, ist dem Ochsen noch lange nicht erlaubt.