Schluss jetzt! Hau endlich ab! Meine innere Stimme wird langsam rabiat. Doch sie hat keine Chance. Wie gelähmt stehe ich in diesem Palmenhain auf Bali und schaue einem Toten beim Verbrennen zu. Die Menschen um mich herum führen sich auf wie bei einem Lagerfeuer. Sie lachen und flachsen, lutschen Eis und trinken Bier. Mittendrin thront die Leiche auf einer riesigen Tigerfigur. Über die beugte sich eben noch ein skeletthaft dürrer Priester in weißer Smokingjacke, brabbelte Mantras und arrangierte Berge von Opfergaben auf dem Körper. Inzwischen steht das ganze Ding in Flammen. Ein Männlein rennt herum und versprüht Parfüm, um den Geruch von verbrennendem Fleisch zu bekämpfen. Asche weht auf mein Hemd, mein Gesicht, meine Haare. Da kracht der Tote aus dem Gestell, und zwei Kerle zerteilen ihn mit Stangen. Es sieht aus, als dröschen sie Getreide.

»Nur wenn er ganz verbrennt, löst sich seine Seele. Nur dann wird er zum Ahnen und wird irgendwann wiedergeboren«, sagt der Priester. Ich erschrecke, als er plötzlich neben mir steht. Der Mann ist Anfang fünfzig, sieht jetzt aber aus wie ein ausgemergelter Greis. Er scheint während der Zeremonie um Jahrzehnte gealtert zu sein. »Die Sache ist fürchterlich anstrengend«, schnarrt er erschöpft. »Der kleinste Verstoß gegen das Ritual genügt, und die Seele des Toten rast vor Wut. Und es gibt nichts Schlimmeres. Sie kann dann auf tausend Arten ins Schicksal der Lebenden eingreifen.« Was er sonst noch sagt, bekomme ich nicht mehr mit. Die Musik des Gamelan-Orchesters klingt nämlich, als regne es Eisenbahnschwellen. Sie stammt von topfartigen Glocken, die aussehen wie Brüste aus Metall. Auf die prügeln die Musiker ein. Zu ihren Sarongs tragen sie Spiegelbrillen und T-Shirts mit aufgedruckten Heavy-Metal-Monstern. Kopfschmerzen klopfen von innen an meinen Schädel. Schlecht ist mir auch. Doch ich bleibe stehen, bis von dem Tiger nur noch die Umrisse eines spillerigen Pudels übrig sind.

Als ich am nächsten Morgen aufwache, ist die Nacht noch lange nicht fertig mit mir. Sofort fluten Erinnerungen an den brennenden Mann mein Hirn. Aber das macht nichts. Schließlich sollen meine Ferien anders sein als die der meisten Urlauber auf Bali. Ich will keine Surfkurse, keine Strandpartys, keine Massagen in einem dieser stilversessenen Hotels. Ich will wissen, wie sich Bali wirklich anfühlt. Deswegen bin ich ins Inselinnere gefahren, in das 3000-Seelen-Dorf Mas nahe der ehemaligen Königsstadt Ubud. Dort wohne ich bei Gus De. Seine Familie nimmt seit ein paar Jahren Gäste auf, um ihnen das wahre Bali zu zeigen.

Die honigtriefenden Kuchen stülpen sich wie ein Mundschutz über die Zähne

Gus De ist der Neffe des Totenpriesters. Mit seinem runden Kopf und seinen weichen Konturen wirkt er wie aus Teig geknetet. »Wenn du das Leben verstehen willst, kommst du um den Tod nicht herum«, hatte er gesagt, bevor er mich gleich am ersten Tag mit zu der Einäscherung nahm. Jetzt sitzen wir auf der Veranda meines Gästezimmers und frühstücken honigtriefenden Reiskuchen. Jeder Bissen stülpt sich über die Zähne wie ein Mundschutz aus Kautschuk. Mein Feriendomizil sieht aus wie ein Gartenpavillon und gehört zu einem ummauerten Gehöft, in dem sich mehrere zierliche Häuser mit Terrassen und tiefen Dächern verteilen. Aus den Wänden platzen Reliefs, vom Schnitzwerk der Firste scheint das Blattgold zu tropfen.

Meine Gastfamilie gehört zu den ältesten Dynastien auf Bali. Einer ihrer Vorfahren war ein bedeutender Hindupriester aus Java. Der zeugte mit einer Frau aus Mas vier Söhne und gründete so vor einem halben Jahrtausend die Brahmanenkaste auf der Insel, die eine hinduistische Enklave im islamischen Indonesien ist. Aber das heißt nicht viel. Weil der Hinduismus auf Dogmen pfeift, ist er in der balinesischen Diaspora anstandslos mit altmalaiischem Ahnenkult, Geisterglauben und einem Schuss Buddhismus zu einem wilden Gebräu vergoren. Es ermöglicht den Balinesen sogar, die Idee der Wiedergeburt mit dem Glauben an die Allgegenwart der Vorfahren zu vereinen. »Unsere Religion hat noch jeden Fremden überfordert«, sagt Gus De. Er legt seine Hände in den Nacken.

Nach und nach bevölkert sich der Hof. Gus Des Frau Putri kommt mit den Söhnen Dode und Duvi, die wie lustige Vögel über den Rasen hüpfen. Angestellte erscheinen von rechts und links und tragen Kram herum. Als Letzte zeigen sich Gus Des Eltern in brokatbesetzten Sarongs. Wedha, der Vater, ist ein stangenhaft dünner Mann von asketischer Eleganz. Ein balinesischer Gary Cooper, so kommt er mir vor. Doch je länger ich beobachte, wie er den ganzen Tag auf dem Anwesen herumstromert, desto mehr wirkt er auf mich wie ein gelangweilter Junge in den großen Ferien. Sein Geschäft leide unter der Wirtschaftskrise, gibt er zu. Der Mann mit den lotrechten Falten ist Exporteur von Holzschnitzereien – und nicht der einzige in Mas.

Der Ort gleicht einem balinesischen Oberammergau. Hier wird mit insektenhafter Emsigkeit geschnitzt. Auf der Hauptstraße steht das komplette Personal der indischen Epen Ramayana und Mahabharata Spalier, Ladenbesitzer erklären einem auf Schritt und Tritt, was die abgespreizten Finger, Blickrichtungen oder Fußstellungen ihrer hölzernen Götter bedeuten. Doch es geht auch profaner. Immer mehr Geschäftsleute eifern Wedha nach, der als Erster aus Mas exportierte, was man hier »Pop Art« nennt: Kitsch für die Welt. Zum Beispiel Eishockeyspieler für einen Kunden aus Vancouver. In einer der Werkstätten entstehen gerade 300 Stück davon. Gleich nebenan schnitzen halb nackte Männer an 650 identischen Südseegötzen für eine Order aus Hawaii. Und wieder ein Stück weiter sitzt ein dickes Mädchen auf einem Berg von Holzpenissen und beschmiert sie mit brauner Schuhcreme. Die Stücke haben hinten einen Schlitz. Da kommt später ein Flaschenöffner hinein. Vor allem Japaner seien verrückt danach.