Eigentlich müssten bei Boehringer Ingelheim längst die Festvorbereitungen anlaufen. In wenigen Monaten wird das Unternehmen 125 Jahre alt, und es gibt allen Grund, mit Stolz zurückzublicken: Aus dem kleinen Labor in den Rheinauen, in dem Albert Boehringer 1885 mit der Produktion von Backpulver begann, hat sich ein Arzneikonzern entwickelt, der Herz- und Hustenmedikamente rund um den Globus verkauft.

Auf dem Weg dorthin widersetzte sich das Unternehmen dem üblichen Gang der Globalisierung: Keine Fusion oder Übernahme führte zur heutigen Größe. Die Ingelheimer schafften praktisch alles aus eigener Kraft, steckten zuletzt 18 Prozent des Umsatzes in die Labore. Das Unternehmen zählt damit zu den forschungsstärksten der Branche – und gehörte lange zu den wachstumsstärksten. Zugleich wurde Boehringer im vergangenen Jahrzehnt regelmäßig als bester Arbeitgeber der Branche ausgezeichnet. Und das alles unter der Ägide einer Familie, die es sich leistete, langfristig zu denken. Boehringer, das waren die Guten, sie weckten Sehnsucht bei Mitarbeitern anderer Pharmaunternehmen, Neid bei den Wettbewerbern und Staunen bei den Betrachtern.

Dumm nur, dass die Ingelheimer just zum Jubiläum ihre Fortune zu verlassen droht: In den Laboren könnte es bald an profitablen Pillen fehlen. Um das auszugleichen, macht das Management mit unfeinen Marketingmethoden Druck. Und erstmals seit Jahren werden Stellen im großen Stil abgebaut. Ernst zu nehmende Mahner sehen das Traditionsunternehmen sogar in seiner Unabhängigkeit bedroht.

Vom nächsten Jahr an bekommen ausgerechnet die Bestseller des Hauses neue Konkurrenz: Das Prostatamittel Flomax und die Parkinson-Arznei Sifrol verlieren ihr US-Patent und werden Umsatz an billige Nachahmer abgeben müssen. Das Gleiche droht beim Blutdrucksenker Micardis – wo ähnlich wirkende Pillen patentfrei werden. Und Spiriva – die erste Arznei gegen Raucherlunge und Boehringers wichtigster Umsatzbringer – wird von einer Neuentwicklung des Wettbewerbers Novartis bedroht.

In Ingelheim tut man sich schwer, diese Perspektive in Worte zu kleiden. Allenfalls eine »Wachstumspause« mag Vorstandschef Andreas Barner erkennen. »Wir sind in der Situation, fünf neue Produkte einführen zu können«, wirbt er, das sei »eine positive Situation«. Gemeint sind ein Blutverdünner, eine Diabetes-Arznei, zwei Krebsmedikamente – und vor allem ein Libido-Stimulans für Frauen. Das hat das Unternehmen vor einem Monat mit großem Werbeaufwand bei einem Kongress in Lyon vorgestellt. Nach einem solchen Produkt haben schon viele gesucht, nicht zuletzt Viagra-Erfinder Pfizer aus den USA . Alle aber gaben auf, als sie merkten, dass sich weibliche Lust nicht auf Hormone oder gar Durchblutung reduzieren lässt. Die Pille, an der Boehringer gerade arbeitet, ist anders. Sie wirkt über den Kopf. Das Mittel, das einst als Antidepressivum gedacht war, setzt an den Belohnungszentren des menschlichen Gehirns an, versucht sozusagen die Glückshormone von oben in Wallung zu bringen.

Das ist ein Alleinstellungsmerkmal, eine Chance – aber gleichzeitig auch eine Gefahr. In der Vergangenheit versuchten Arzneihersteller mehrfach ebendiesen Belohnungsmechanismus für Diätpillen zu nutzen: Doch eine der Pillen erhöhte das Suizidrisiko, andere schädigten das Herz – weshalb alle nach kurzer Zeit vom Markt verschwinden mussten.

Zu den Top Ten der Branche zu zählen – es blieb ein Wunschziel

Boehringer-Chef Barner scheint dies nicht zu beunruhigen. Bei den Studien habe es keinen Hinweis auf derartige Nebenwirkungen gegeben, sagt er. »Die Verträglichkeit ist insgesamt sehr gut.« Was er nicht sagt, ist, dass Probleme bei den Diätpillen erst auftraten, als schon Tausende Frauen damit abgenommen hatten. Was soll er auch sagen? Die Aussichten von drei anderen Innovationen sind eher mittelmäßig. Diabetesmittel gibt es Dutzende, einige attackieren das gleiche Enzym, das nun auch die Forscher von Boehringer im Visier haben. Und im Kampf gegen den Krebs ist die Konkurrenz fast noch größer.