Berlin ist für Sagarika Sundaram Tempelhof. Ihr Zuhause bis Ende November: ein Spanplatten-Wohncontainer mit einer weißen Jalousie als Tür, einem Bett an der hinteren Containerwand, einem Schrank und mit einer rechteckigen Öffnung in der Decke, damit auch in der Nacht Luft hineinkommt. Ihre Umgebung: zwei Stockwerke in einer ehemaligen Malzfabrik; Hallen mit Laptops und Holz und Papier zum Basteln, ein Raucherzimmer, und das meiste mit grauem Teppich ausgelegt. Als sie sich beworben hat, dachte sie: "Toll, sechs Wochen Berlin." Nur, von Berlin hat sie wenig gesehen.

Sechs Wochen lang haben 28 junge Menschen, ausgewählt aus über 600 Bewerbern, im Ideen-Camp Palomar5 gelebt, bei dem es vor allem um eines gehen sollte: Wie kann die Zukunft der Arbeit unter digitalen Bedingungen besser, freier, gerechter werden? Benannt wurde das Projekt nach einem Kugelsternhaufen, der die Milchstraße umkreist. Sein Pendant in Berlin: die stillgelegte Fabrik in Tempelhof gleich neben einem der größten Ikea-Märkte Deutschlands. Doch wo dessen Kunden sich in ihrer eigenen kleinen Welt einrichten, ging es für die Teilnehmer des Camps ums Ganze. Junge Designer, Wissenschaftler, Ingenieure, eine ehemalige Bankerin, eine Biologin, die selbstverständlich mit den neuen Medien arbeiten. Aber sie alle finden, dass diese Hilfsmittel noch viel besser werden könnten. In Berlin arbeiteten sie an Ideen, die den Büroalltag im Kleinen entzerren und im Großen mehr Menschen weltweit die Teilhabe an der digitalen Kommunikation erlauben könnten.

Sagarika ist 23, sie ist in Indien geboren, in Dubai aufgewachsen, sie hat in London, Zürich und den USA gelebt. Bald will sie zurück nach Indien und als Grafikdesignerin selbstständig arbeiten. Heute ist sie im Stress. Es ist der Freitag vor der Abschlusspräsentation. Sagarika sitzt mit Gijs aus den Niederlanden vor einem Laptop. Sie überlegen, wie sich ihre Idee für die Besucher visualisieren lässt. Wie ein DJ, der Musik von verschiedenen Platten zu einem neuen Stück vermischt, soll der Computer einmal Informationen zu einem Suchbegriff von allen möglichen Quellen heranziehen und neu zusammensetzen. Von individuellen Informationslandkarten träumen die Erfinder.

"Wir haben den Anspruch, mehr zu sein als nur Kunst und ein Ort, wo man sich austoben kann", sagt Jonathan Imme, Mitgründer und Sprecher des Projekts, 25 Jahre alt, das iPhone stumm geschaltet und trotzdem ständig am Telefonieren. "Mehrwert" ist das Zauberwort, gerade weil es um ein Thema geht wie Arbeit, das viele Menschen betrifft und auch die Vordenker der digitalen Welt noch jahrelang beschäftigen wird. Darum sollen die Ideen der Teilnehmer zu Projekten und vielleicht einmal zu Produkten werden – oder zumindest sollten sie Denkanstöße geben. So interessieren sich auch viele Unternehmen für Palomar5, die Telekom als Geldgeber; BMW, SAP und andere als Gesprächspartner. Sie schauen regelmäßig während der sechs Wochen vorbei, um mit den Teilnehmern über deren Ideen zu diskutieren. Und der Musikwirtschaftler Jonathan Imme und seine fünf Mitorganisatoren grübeln darüber nach, wie es weitergehen soll, wie sie unabhängig werden und bleiben können.

Vor einem Jahr hatte er seine Idee auf einem einschlägigen Kongress geäußert: einen Raum eröffnen, in dem Ideen zu Ende gedacht werden können. Die Telekom biss an, ließ die Gruppe um Imme ein Konzept erarbeiten und blieb auch danach an Bord. Die Gelder verwalteten Imme und die Organisatoren selbstständig, inhaltlich waren sie frei. Die Teilnehmer bekamen die Reise, Kost und Logis. "Wir selbst zahlen uns ein verlängertes Praktikanten-Gehalt." Sie haben einen gemeinnützigen Verein gegründet, um das Projekt zu stemmen: "Wir wollten kein gewinnorientiertes Gewerbe daraus machen", sagt Imme. Trotzdem soll das Ganze auch nach den ersten sechs Berliner Wochen weitergehen, für das nächste Jahr ist die Gruppe gerade in Verhandlungen mit potenziellen Geldgebern. "Langfristig soll Palomar5 allerdings nicht mehr von Sponsoren abhängig sein." Dass man ihre Idee nicht auch eine Nummer kleiner hätte fahren können, davon sind sie überzeugt. "Wenn man wirklich Impulse geben will, braucht man einen gewissen Hebel", sagt Imme.

Sie selbst haben viel gelernt, haben erlebt, wie Gruppenbildung funktioniert, wie man Zusammenarbeit definiert und wie man Selbstorganisation und Motivation fördern kann. Vielleicht lässt sich davon etwas weitergeben. Und am Ende könnten aus einigen Ideen wirklich Produkte werden und ein Teil der Erlöse könnte zurückfließen an Palomar5. Noch ist das Zukunftsmusik.