Millionensaläre sind dem Volk ein Dorn im Auge. Und Boni sind etwas für Politiker, die sich mit einem populistischen Thema profilieren möchten. Aber eigentlich sind sie Firlefanz. Seit Monaten tobt in der Schweiz ein Machtkampf, wie ihn der Finanzplatz noch nie erlebt hat. Doch von Bankergehältern und Lohnsummen redet keiner. Da geht es um "Leverage Ratios" oder Holdingstrukturen oder um ein paar neue Paragrafen fürs Konkursrecht. Es ist ein gepflegtes Gefecht, ausgetragen bei Mittagessen in ländlichen Gault-Millau-Burgen, in Briefen an wankende Nationalräte oder mittels feierabendlicher Reden vor ausgewähltem Publikum.

Vordergründig geht es um Details wie: Welche Liquidität sollen Finanzinstitute halten? Was passiert mit Gläubigern, sollte dereinst mal eine Bank zusammenbrechen? Doch in diesen Details werden Spielregeln festgelegt, die unser Land in den nächsten Jahren prägen werden. Die wahren Fragen lauten: Welche Banken wollen wir? Kann sich die Schweiz überhaupt noch Großbanken leisten? Will sie das? Und wer hat das Sagen im Land?

Dass es um mehr als nur eine technische Auseinandersetzung geht, wird höchstens im formlosen Gespräch ohne Notizblock greifbar. Dann bemerkt ein Bankenüberwacher schon einmal, dass das intellektuelle Niveau in den Finanzinstituten manchmal ziemlich ernüchternd sei. Oder dann kanzelt ein Banker die Ordnungspläne der Nationalbank kurzerhand als "Treppenwitz" ab – weltfremd, undurchführbar, naiv.

Dabei ist das Kernproblem klar: Die Schweizer Großbanken schleppen Bilanzsummen mit sich, die das Mehrfache der nationalen Wirtschaftsleistung darstellen, sie sind die neuralgischen Knoten im Geldnetz der Wirtschaft. Bricht eine UBS oder eine Credit Suisse zusammen, reißt sie das ganze Land in den Abgrund. Auch andere Finanzinstitute wie der Pensionskassen-Riese Swiss Life, der globale Versicherer Zurich oder der Rückversicherer Swiss Re spielen eine entscheidende Rolle im Wirtschaftskreislauf – hier könnte ein Kollaps landesweite und internationale Schockwellen auslösen.

Ein Staat in einer Zwangsehe mit ein paar Privatunternehmen – dies ist der Preis, den die kleine Schweiz bezahlen muss, wenn sie in der Wirtschafts-Weltliga mitspielen will. So sehen es viele Finanzprofis. Dies darf nicht sein, finden dagegen Politiker, Beamte und Unternehmer außerhalb der Finanzbranche.

Sein oder Nichtsein? Die Politik hatte sich mit Vorliebe um den mühseligen Stoff gedrückt, 1998 und 2000 behandelte das Parlament die sogenannte too big to fail- Problematik ebenso lust- wie resultatlos. Dass sich dies ändern muss, war jedem seit der UBS-Notrettung im Herbst 2008 klar, und am 18. Juni kam definitiv Schwung ins Thema. Denn an jenem Donnerstag trat Philipp Hildebrand in Bern vor die Presse, zum ersten Mal, nachdem ihn der Bundesrat zum nächsten Präsidenten der Nationalbank gekürt hatte. Er stellte kategorisch fest, dass es bei der Aufsicht über die Finanzwelt "keine Tabus" mehr geben dürfe. Es folgte ein Lösungskatalog, mit dem vermieden werden soll, dass das Land je wieder gezwungen wird, ein torkelndes Finanzinstitut zu retten: höhere Eigenmittel für wichtige Banken selbst in guten Zeiten; striktere Liquiditätsanforderungen; Umorganisation der einzelnen Institute, damit man im Notfall – vor dem endgültigen Bankrott – lebenswichtige Teile herauslösen kann; und schlimmstenfalls, verkündete der Nationalbanker, müsse in einer späteren Phase auch über eine genaue Größe für Schweizer Banken nachgedacht werden.

Es waren Rezepte, die weiter gingen als alles, was zur Kontrolle der Banken bis dato diskutiert wurde – weltweit. Hildebrands Berner Auftritt brachte interessante Frontverschiebungen ans Licht. "Chapeau!", jubelte die linke Wochenzeitung, denn damit habe der designierte Nationalbankpräsident "das neoliberale Dogma über Bord geworfen". Dafür zogen wichtige Banker noch am selben Tag in off the record- Gesprächen mit Finanzjournalisten den ganzen Auftritt in Zweifel, rätselten über Hildebrands Legitimation und argwöhnten, das Ganze sei kaum mehr als ein "Säbelrasseln" ohne Langfristwirkung.