Es sind nur ein paar Tage noch bis zur Premiere, da sagt Dirk Muchow in der Theaterprobe zu Volker Lösch: Normalerweise haue er Leuten, die ihm blöd kämen, sofort in die Fresse, "in meinem Leben war das immer so". Lösch hatte Muchow kritisiert, wie Regisseure eben Schauspieler bei der Arbeit kritisieren. Und jetzt? Lösch antwortet ziemlich schnell: Er solle nur machen, dann werde er zurückschlagen, er sei schließlich der Größere.

Stimmt, Volker Lösch ist der Größere. Er trägt in der Regel eine Anzughose, Nadelstreifen, ein schmal geschnittenes Hemd und ziemlich spitze Schuhe. Er ist 46 Jahre alt und einer der erfolgreichsten, einer der umstrittensten Theaterregisseure des Landes. In Dresden brachte er 2004 Gerhart Hauptmanns Weber auf die Bühne und verwob darin den Alltag Dresdner Arbeiter. Ein Skandal wurde daraus, weil einer dieser zornigen Arbeiter mit der Überlegung zitiert wurde, Sabine Christiansen zu erschießen, weil sie in ihrer damaligen Fernsehsendung niemals Leute wie ihn zu Wort kommen lasse. In Hamburg ließ der Regisseur Lösch im Oktober 2008 in dem Revolutionsstück Marat einen Chor von Hartz-IV-Empfängern die Firmenadressen und Telefonnummern Hamburger Millionäre verlesen. Man kann es zusammenfassend so sagen: Volker Löschs Methode ist es, das Theater auf aggressive Weise mit der Wirklichkeit zu verbinden. Diesmal heißt das Stück Berlin Alexanderplatz, am kommenden Sonntag hat es an der Berliner Schaubühne Premiere, und die Wirklichkeit besteht aus 25 entlassenen Strafgefangenen.

Dirk Muchow ist klein und dick und kahl geschoren, bis auf einen kurzen Kamm auf dem Kopf. Er ist 39 Jahre alt, und davon verbrachte er 16 Jahre im Gefängnis. Wegen schwerer Körperverletzung wurde er verurteilt, immer wieder, auch wegen eines versuchten Totschlags und rechtsradikaler Hetze. Muchow sagt, ihm sei das Leben im Knast oft leichtergefallen als draußen. Er sei drinnen immer schnell ein Anführer geworden, einer, der das Sagen habe. Weil die anderen Angst vor ihm hatten? "Nee", antwortet er, "ich weiß auch nicht, warum. Ich kann gut reden, und ich merke schnell, was läuft, überall." Vielleicht ist diese Erfahrung der Grund, warum er so selbstbewusst wirkt. Er weiß, dass Leute ihm gerne zuhören bei seinen Sprüchen und Anekdoten. Und er glaubt, dass seine Geschichte interessant sei für Zuschauer. Deshalb macht er mit bei diesem Theaterstück. Er sagt, er schäme sich nicht für sein Leben.

Auch Volker Lösch hat einen fast kahlen Schädel. Das hängt mit seiner Zeit als Schauspieler zusammen. Er war erfolgreich an verschiedenen Theatern, fühlte sich aber unwohl. "Ich fand die Situation oft schrecklich eingefahren, eingefroren, da passierte nichts. Ein Stück nach dem anderen spielte man runter, ohne Leidenschaft, ohne Idee. Ich habe am Ende richtig gelitten, ich habe den Stillstand nicht mehr ertragen." In einer seiner letzten Rollen als Schauspieler schnitt er sich kurz vor einer Vorstellung plötzlich seine langen Locken ab, rasierte alles weg. "Ich hatte das Gefühl, ich muss was abschneiden, ich musste es einfach tun." Der Intendant des Theaters rügte ihn dafür, weil für die Rolle ein Mann mit Haaren vorgesehen war. Kurz darauf wechselte Lösch ins Regiefach, der Kopf blieb kahl, "inzwischen auch aus Taktik, da wächst nicht mehr viel".

Dirk Muchow, der Dirk heißen will, bloß Dirk, in der Theaterprobe wie im Knast, sagt: Nur seine Nazi-Hetze von damals sei ihm heute peinlich. Er war schon mit 16 ein gewalttätiger Skinhead, damals in Rostock, er saß deswegen in der DDR im Gefängnis. "Das war ein harter Knast, dagegen ist heute Gefängnis Disneyland." Nach der Wende überfiel er mit anderen Schlägern Asylbewerberheime, ihre Waffen waren Baseballschläger. Dirk Muchow zeigt sein Handy, heute seien da fast nur Telefonnummern von Ausländern gespeichert. Sie alle habe er im Knast kennengelernt, "sie sind inzwischen meine Freunde". Seine Tätowierungen "Hitler" und "Himmler" am linken und rechten Arm hat er wegmachen lassen. Nur das Hakenkreuz auf seinem Rücken ist noch da, "das ist einfach zu groß". 

Berlin Alexanderplatz geht zurück auf Alfred Döblins berühmten Roman aus dem Jahr 1929. Im Mittelpunkt steht die Geschichte des Transportarbeiters Franz Biberkopf, der nach einem Gefängnisaufenthalt ins überdrehte, zerrissene Berlin der Weimarer Jahre zurückkehrt und darum kämpft, ein anständiger Mensch zu werden und es zu bleiben. Volker Lösch bringt diesen Stoff mit vier Schauspielern und zwei Dutzend verurteilten Mördern, Totschlägern, Drogendealern, Betrügern, Einbrechern und Zuhältern auf die Bühne. Die meisten von ihnen sind auf Bewährung freigekommen. Es ist bei Lösch keine Floskel, wenn er sagt, er liebe es, die Wirklichkeit ins Theater zu holen.

Ein Abend in einem Lokal in Berlin-Kreuzberg, noch sechs Wochen bis zur Premiere. Das Casting der ehemaligen Gefangenen hat schon stattgefunden, auch die Proben haben begonnen. Lösch erzählt von seiner Arbeitstechnik: Einerseits die Proben, andererseits interviewen er und seine Leute die entlassenen Häftlinge, protokollieren den Kern dieser Lebensgeschichten. "Und jeden Abend bis tief in die Nacht sitzen wir da und arbeiten diese Geschichten in den Bühnentext ein." Ein Prozess, der bis kurz vor der Premiere dauere. Unglaublich sei das, was sie da jeden Tag für Geschichten zu hören bekämen. Auch unglaublich viel Arbeit sei das, sagt Lösch, "aber ich mag das".

Alfred Döblin beschrieb in seinem Roman eine zertrümmerte Gesellschaft, die auf den Abgrund zusteuerte. Was will Lösch mit seinen schweren Jungs sagen? Um die Wirklichkeit gehe es, meint Lösch, die Wirklichkeit von Menschen, die aus dem Knast kommen. Es gehe auch um die Frage, warum sich kein Mensch mehr für das Thema Resozialisierung interessiere. "Menschen in Gefängnissen werden völlig vergessen." Einerseits seien seine Leute auf der Bühne Opfer, andererseits Täter, "da sind ja heftige Verbrecher dabei".