Niemand, der dieses Blatt kennt, wird es für demokratisch halten, denn die ZEIT hat immer auf Qualität gesetzt. Keineswegs verachten wir unsere Leser, so wie ja auch der aufgeklärte Monarch seine Untertanen nicht verachtet. Aber er wird sich hüten, seine weitsichtigen Maßregeln von den kurzsichtigen Interessen des Volkes bestimmen zu lassen. So auch diese Zeitung, zumindest diese Spalte: In ihr wird gesagt, was der Fall ist, unabhängig davon, ob es gefällt.

Tim Armstrong, der Chef des Internetdienstes AOL, will, dass seine Redakteure zukünftig die Themen nicht mehr nach eigenem Urteil gewichten, sondern dass sie dem Urteil von Computern folgen, die nach der Analyse der Suchanfragen und Seitenaufrufe vorhersagen, welche Themen die Nutzer anklicken werden. Das System, sagt er, sei so ausgelegt, dass es die beliebtesten Nachrichten und den optimalen Zeitpunkt ihrer Platzierung erkennen könne. Leicht vorstellbar, dass die Medien zukünftig nur noch über den Sieg von Werder Bremen oder den Seitensprung von Lafontaine berichten.

Wer lange fragt, geht lange irr, sagt der Volksmund und hat hier ausnahmsweise recht. Was dabei herauskommt, wenn man die Mehrheit den Lauf der Dinge bestimmen lässt, kann man in den großen Demokratien leicht erkennen, siehe George W. Bush, siehe Silvio Berlusconi. Aber auch in Zwergstaaten wie der Schweiz oder Hamburg sind die plebiszitären Instrumente überaus verhängnisvoll. In der Schweiz haben faschistoide Ausländerhasser den Bau von Minaretten verboten, als ob nicht jedes Minarett schöner wäre als die unansehnlich stumpfen Türme des Züricher Münsters, als ob nicht das minaretthaft Spitzige besser zum alpenhaft Gipfligen passen würde als das notorisch Geduckte der schweizerischen Architektur. Und in Hamburg sind guccibewehrte Besitzbürger im Begriff, schlecht angezogenen Immigrantenkindern den Zugang zu ihren Gymnasien zu verwehren.

Wohin man schaut: Überall siegt die Dummheit im Namen der Demokratie. Soll man Schüler darüber abstimmen lassen, ob sie im Unterricht lieber Stephenie Meyer lesen wollen oder Friedrich Schiller? »Wenn nicht entweder die Philosophen Könige werden oder die Könige Philosophen, wird es mit dem Elend kein Ende haben«, hat Platon gesagt und keine Umfrage abgewartet.