Es ist einer dieser unscheinbaren Lehmplätze, wie es sie zu Tausenden und Abertausenden in Afrika gibt: ein braunes Geviert ohne Linien, der Boden steinhart und bucklig, die schiefen Tore aus Eukalyptusstangen. Links die Flachbauten einer Schule, rechts die Durchfahrtsstraße. Ein Dutzend Buben jagt hinter einem Schaumstoffball her, den sie aus einer alten Matratze geschnitten haben. Normalerweise spielen mehr Kinder und Jugendliche mit, aber heute mussten viele mit ihren Familien in die Kirche gehen. Aus einem der Gotteshäuser wehen fromme Gesänge herüber. In der Schneiderei nebenan surrt eine Nähmaschine. Ein paar junge Männer hängen vor einer Kneipe herum. Ein ganz normaler Sonntagmorgen.

»Dort haben sich die Totmacher jeden Morgen getroffen und besprochen, wen sie umbringen«, sagt Credo Nabayo und zeigt auf den Lehmplatz. Wir befinden uns im Dorf Kibungo, 30 Kilometer von der ruandischen Hauptstadt Kigali entfernt. Das örtliche Fußballfeld war ein Sammelplatz der génocidaires . Von hier schwärmten sie in die Nachbardörfer aus, um ihr blutiges Tagwerk zu verrichten. Sie ermordeten alle Tutsi, derer sie habhaft werden konnten, Männer und Frauen, Kinder und Alte.

Der Völkermord geschah im Jahre 1994, in den Monaten des Itumba, des schweren Regens. In hundert Tagen wurden 800.000 Menschen abgeschlachtet, überwiegend Angehörige der Tutsi-Minderheit, aber auch viele Gegner des diktatorischen Hutu-Regimes, die zur Bevölkerungsmehrheit der Hutu gehörten. Sie starben nicht in Konzentrationslagern und industriellen Vernichtungsanlagen, nicht durch Zyklon B. Sie wurden in Handarbeit getötet, mit Macheten, Messern, Knüppeln. Noch nie in der Menschheitsgeschichte haben so viele Täter in so kurzer Zeit so viele Mitmenschen umgebracht. Es war der Versuch einer ruandischen »Endlösung« im Jahre 50 nach Auschwitz. Die Weltgemeinde sah ratlos zu und weigerte sich zu helfen.

Credo Nabayo, ein hochgeschossener, schlaksiger Bursche von 18 Jahren, hat seine Eltern, zwei Brüder und eine Schwester verloren, nur er und seine jüngste Schwester konnten den Schlächtern entkommen. Sie fanden zunächst Unterschlupf bei einem befreundeten Hutu, aber der jagte sie fort, als die Lage zu brenzlig wurde, und die beiden Kleinkinder irrten durch den Busch und verkrochen sich in den Sümpfen. All das berichtet Credo so sachlich und nüchtern, als sei es nicht ihm, sondern einem anderen widerfahren. Es ist eine Art Selbstschutz, damit ihn die Gespenster der Erinnerung nicht in den Wahnsinn treiben. An diesem Sonntag zeigt er uns die Orte des Grauens.

Zuerst führt er uns in die Kirche seiner Heimatgemeinde Ntarama, wo 10.000 Menschen massakriert wurden. An der Rückwand des Kirchenschiffes, unter einem ausgebleichten Plakat von Papst Johannes Paul II., sind in Holzgestellen Hunderte von zerschmetterten Schädeln aufgereiht. Irgendwo dazwischen liegen die sterblichen Überreste von Credos Vater. Wo war damals eigentlich Gott? »Ich weiß es nicht«, antwortet Credo. Manche Leute sagen, dass er in diesen Tagen gar nicht in Ruanda gewesen sei.

Anschließend fahren wir hinunter ins sumpfige Delta, an dem sich die Flüsse Akanyaru und Nyabarongo zum Akagera vereinigen – an den Ort, an dem Credos Mutter ersäuft wurde. Die letzte Station ist der Lehmplatz von Kibungo, wo die kleinen Jungs so vergnügt spielen, als sei die Vergangenheit nur ein böser Traum. Sie waren noch nicht geboren, als sich Ruanda in eine Hölle verwandelte. Für die Buben spielt es keine Rolle, wer Tutsi oder Hutu ist. Selbstvergessen sind sie im Spiel vereint. Wenn man ihnen zuschaut, darf man wieder an jene versöhnende Kraft des Fußballs glauben, die in den Monaten des Völkermords zerstört wurde.

Die Spieler teilten die gebratenen Ziegen

Kibungo liegt im Bezirk Bugesera, einem sumpfigen, unwirtlichen, von Stechmücken geplagten Landstrich, in den nach den ersten großen Pogromen in den 1950er Jahren viele Tutsi geflohen waren oder zwangsumgesiedelt wurden. Die Dörfer und Städte sind arm und rückständig, das Landvolk muss irgendwie mit dem auskommen, was die winzigen Felder und kleinen Viehherden hergeben, viele wissen nicht, ob sie morgen etwas zu essen haben werden. Nyamata, die Hauptstadt des Distrikts, ist neuerdings zwar durch eine frisch geteerte Straße mit Kigali verbunden, aber auf den großen Aufschwung, den die neue Regierung versprochen hat, warten ihre Bewohner immer noch vergeblich.