Lange haben wir von keinem friedfertigeren Versuch gehört, den clash of civilizations zu überwinden, als von Muammar al-Gadhafis Diavorträgen über den Islam in Rom. Der libysche Staatspräsident nutzte die Konferenzpausen des Welternährungsgipfels keineswegs für eine Glattrasur, sondern für ein Referat vor 450 Italienerinnen, denen er je einen Koran schenkte und darlegte, dass es den Frauen im Islam keineswegs schlecht ergeht. Um das zu beweisen, zahlte Gadhafi jeder der Italienerinnen 75 Euro Aufwandsentschädigung. Drei von ihnen sagten anschließend, sie würden sich gerne näher mit dem Islam beschäftigen.

Das muss man nur mal hochrechnen. Würde Gadhafi zehn Jahre lang mit seinem Zelt durch die italienische Provinz ziehen, dann würden sich am Ende drei Prozent der Italienerinnen näher mit dem Islam beschäftigen, und alle anderen hätten Zeit, mit ihren 75 Euro die darniederliegende Binnennachfrage anzukurbeln. Bei uns nennt man so etwas Entwicklungshilfepolitik.

Leider verfolgt Gadhafi mit der Schweiz ein etwas anderes Erziehungsprogramm. Nachdem sein Sohn und dessen Frau sich in Genf von der Schweizer Justiz einen Vortrag über Menschenrechte anhören mussten, weil sie ihre Hausangestellten geschlagen hatten, und auch keine 75 Euro dafür bekamen, war es um Gadhafi geschehen. Er stellte die Energielieferungen ein, nahm zwei Schweizer Geschäftsleute als Geiseln und erklärte vor den UN, es sei sicherlich das Beste für die internationale Staatengemeinschaft, die Schweiz komplett aufzulösen.

Gadhafi musste nun mitansehen, dass diese sehr radikale Strategie, den Islam in der Schweiz populär zu machen, missglückt ist. Bei einer Volksabstimmung haben die Schweizer entschieden, dass sie keine Minarette im Land wollen.

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Dagegen hilft, so scheint es, nur eine sehr ausgedehnte Vortragsreise. Denn die Schweizer haben bislang nicht gesagt, dass sie auch keine Beduinenzelte im Land haben wollen. Vielleicht sollte Gadhafi aber dennoch nicht sofort aus dem Koran vorlesen, sondern zur Einstimmung aus seinem 1995 erschienenen Erstlingswerk mit einem Titel, der noch länger ist als seine Barthaare: Das Dorf, das Dorf, die Erde, die Erde und der Selbstmord des Astronauten. Dann sollte er allen Schweizern 75 Euro zahlen. Und danach kann man ja noch einmal über die Sache mit den Minaretten abstimmen.