Fehlt nur noch, dass er sich selbst in die Wange kneift. Am Montagmorgen dieser Woche steht Christian Wulff vor 150 Berliner Unternehmern und kann sein Glück kaum fassen. Der Ministerpräsident von Niedersachsen soll über die Wirtschaftskrise sprechen und, natürlich, über den holprigen Start der schwarz-gelben Bundesregierung. Doch was der CDU-Mann beschreibt, sind traumhafte Zustände. Holprig gestartet? Sind nur die Koalitionspartner FDP ("muss elf Jahre Opposition verarbeiten") und CSU ("hat den eigenen Absturz nicht aufgearbeitet"). Die Wirtschaftskrise? Ist nicht so schlimm ausgefallen, "wie wir vor einem Jahr befürchten mussten".

Es läuft doch.

Man hört das jetzt öfter in der Hauptstadt. Vor einem Jahr war die Weltwirtschaft im freien Fall, düstere Zahlen wurden im Wochenrhythmus durch noch düsterere ersetzt. Was die Regierungen und Notenbanken weltweit auch taten – die Banken stützen, die Spareinlagen der Bürger garantieren, die Märkte mit billigem Geld fluten –, nichts wirkte. "Vor einem Jahr wusste niemand, in welche Abgründe wir fallen würden", sagt ein hoher Regierungsbeamter. Und nun? Ist die Arbeitslosigkeit kaum gestiegen. Sind die Unternehmer wieder optimistischer. Könnte die deutsche Wirtschaft im kommenden Jahr um zwei Prozent wachsen.

Es läuft doch?

Die Kanzlerin ist da vorsichtiger. "Wir bewegen uns auf einem extrem labilen und unvorhersehbaren Grund", sagt Angela Merkel. Es ist nicht nur Zweckpessimismus: Setzt man die Analysen, Hoffnungen und Befürchtungen der Ökonomen zu einem Gesamtbild zusammen, ergibt sich genau das – eine Volkswirtschaft, die wieder wächst, doch eine Art Dauerabenteuer vor sich hat.

Es gibt nicht die eine Gefahr, die zu meistern wäre; nicht die eine große Spekulationsblase, die zu vermeiden wäre; nicht das eine Jahr, das es zu überstehen gilt. In den nächsten Hochrisiko-Jahren werden sich verschiedene Gefahren mal ablösen, mal addieren. Der Versuch, den in der Finanzkrise verlorenen Wohlstand zurückzuholen und zu mehren, ist eine Tour am Rande des Abgrunds.

Es war eine illustre Runde, die sich am vergangenen Freitag für zwei Tage hinter den dicken Mauern der Notenbank von New York traf: Larry Summers, seines Zeichens oberster Wirtschaftsberater von US-Präsident Barack Obama, dann Paul Krugman, der streitbare Wirtschaftsnobelpreisträger, dazu zwei Dutzend Banker und Finanzexperten aus aller Welt. G30 nennt sich die Gruppe, die ein stabiles Finanzsystem anstrebt. Der Harvard-Ökonom Kenneth Rogoff lieferte seinen Zustandsbericht ab: Die Welt mache eine "ganz gewöhnliche schwere Finanzkrise durch".

In aller Stille arbeitet die Kanzlerin an einem Notfallplan für Griechenland

Das klang beruhigend, war aber eine Warnung. Rogoff ist Experte für Finanzkrisen, mit seiner Kollegin Carmen Reinhart hat er deren Folgen in der Geschichte akribisch untersucht: Die Arbeitslosigkeit steigt im Schnitt um sieben Prozentpunkte, die Wirtschaftsleistung bricht um 9,3 Prozent ein. Immer wieder kommt es dabei zu Rückfällen, weitere Banken müssen abgewickelt, neue Tiefs an den Aktienmärkten verkraftet werden. Die Staatsverschuldung verdoppelt sich fast, was einige Länder überfordern dürfte. "Es ist wahrscheinlich", so Rogoff, "dass die Zeit der Staatspleiten zurückkommt."

Anders als in früheren Krisen gelten viele Schwellenländer in Asien oder Lateinamerika als finanziell stabil, weil sie im Ausland kaum verschuldet sind. Stattdessen befinden sich die gefährdeten Staaten nun in deutscher Nachbarschaft: Irland, Spanien, die baltischen Staaten, die Ukraine – und vor allem Griechenland. Am Dienstag dieser Woche stufte die Rating-Agentur Fitch die Kreditwürdigkeit des Landes herab. Eine Staatspleite Griechenlands würde das Vertrauen in den Euro zerstören und damit die Grundlagen deutscher Wirtschaftspolitik gefährden. Spekulanten würden auf den Fall weiterer Länder wetten.