Klimaforscher und Sprachforscher haben normalerweise wenig miteinander zu tun. Doch dieser Tage finden sie zusammen, dank des Wörtchens "Zweigradziel". Der Begriff macht derzeit nicht nur bei der Weltklimakonferenz in Kopenhagen Karriere; auch Lothar Lemnitzer ist auf ihn aufmerksam geworden. Der Berliner Linguist, Betreiber einer Internetseite namens Wortwarte, will ihn in seine laufend aktualisierte Sammlung neuer Worte aufnehmen. Dort steht das Zweigradziel dann neben Adventsshoppingwochenende, Westampelmann, Bierdeckelsteuerreform und Wellnesshölle. Das Zweigradziel ist allerdings unangefochten der Matador unter den neuen Wörtern, weil derzeit in aller Munde.

Der Erfolg der Kopenhagener Konferenz, des größten jemals von den Vereinten Nationen ausgerichteten Treffens, steht oder fällt damit, ob sich die Regierungsvertreter auf das Zweigradziel einigen oder nicht. Und ob die größten Klimasünder – darunter die USA, die EU und China – sich dazu durchringen, in ihrem Beritt den Ausstoß von Treibhausgasen derart drastisch zu senken, dass der Anstieg der Durchschnittstemperatur auf der Erde bis zum Ende des Jahrhunderts tatsächlich auf ungefähr zwei Grad begrenzt bleibt. Bisher ist die mittlere Temperatur um rund 0,7 Grad gestiegen. Weitere 1,3 Grad gelten als kaum noch vermeidbar. Plus zwei Grad gegenüber der vorindustriellen Zeit wären zwar schon ein dramatischer Temperaturanstieg, darunter zu bleiben gilt allerdings als unrealistisch. Deshalb ist das Zweigradziel zum politischen Postulat geworden. Inzwischen haben mehr als hundert Regierungen die Bedeutung dieses Ziels anerkannt, unter ihnen die G8-Nationen und die Mitglieder des Major Economies Forum, dem auch China und Indien angehören.

Trotz des überwältigenden Konsenses wird das Ziel vermutlich verfehlt. Dass die US-Umweltschutzbehörde EPA Anfang der Woche für Aufsehen sorgte, weil sie die Treibhausgase als gesundheitsschädlich erkannte, ändert daran nichts. In punkto Emissionsreduktion gilt nach wie vor nur, was Präsident Barack Obama schon ankündigte: minus drei Prozent bis 2020, im Vergleich zu 1990. Mehr nicht. Auch deshalb wird es auf der Erde deutlich wärmer werden.

Zu diesem Ergebnis kommen jedenfalls zwei unabhängig voneinander angefertigte Analysen aller bisher gemachten Zusagen zur Emissionsminderung. Laut dem amerikanischen Sustainability Institute lassen sie derart zu wünschen übrig, dass die globale Mitteltemperatur um 3,8 Grad steigen wird. Kaum vielversprechender ist das Ergebnis einer Untersuchung, die das Kölner Beratungsunternehmen Ecofys mit Forschern des Potsdam Institut für Klimafolgenforschung (PIK) und einer Gruppe namens Climate Analytics vorgelegt hat: plus 3,5 Grad, so das Resultat ihres im Internet publizierten Climate Action Tracker.

Die Schlussfolgerung, die diese Prognosen nahelegen, ist so einfach wie eindeutig: Die Nationen der Welt müssen sich in Kopenhagen noch deutlich bewegen, wollen sie das von ihnen so gern im Mund geführte Zweigradziel erreichen.

Hoffen lässt derzeit allein eine Expertise, die kurz vor Beginn der Klimakonferenz von dem britischen Ökonomen Nicholas Stern, dem Urheber des viel zitierten "Stern-Reports" über die Ökonomie des Klimawandels, vorgelegt wurde. Es solle nicht heruntergespielt werden, heißt es darin, "wie nahe wir einer wirksamen und glaubwürdigen Übereinkunft sind". Die müsste laut Stern sicherstellen, dass die Menschheit im Jahr 2020 nicht mehr als 44 Milliarden Tonnen Treibhausgase in die Atmosphäre pumpt. Nach Lage der Dinge werden es zwar zwei Milliarden Tonnen mehr sein; doch bei etwas gutem Willen ließe sich die Lücke während der verbleibenden Tage in Kopenhagen quasi "wegverhandeln", glaubt Stern.