Die Menschheit verhandelt. Sie sitzt in 17 Reihen zu je 18 Tischen, vorn links Afghanistan, hinten rechts der Jemen. Den Vertreter Afghanistans könnte man sich auch als Leiter einer Kreisgeschäftsstelle in Castrop-Rauxel vorstellen, der Tisch des Jemen gehört zu den wenigen, die nicht besetzt sind. Der Chef der US-Delegation, Jonathan Pershing, muss sich den Platz hinter seinem Pult mit drei Mitarbeitern teilen; für die USA gibt es nicht einen Zoll mehr Platz als für die Vereinigte Republik von Tansania, deren Vertreter direkt neben der US-Delegation sitzen. Die Regeln sind strikt, drei Minuten pro Statement und Ländergruppe, maximal zwei Wortmeldungen für ein Land.

Der Begriff der Menschheit ist aus der Mode gekommen. Zu groß ist dieses Wort und zugleich zu arm an Bedeutung. Sätze, die von der Menschheit handeln, hören sich gewöhnlich falsch an, meist auch naiv, weil sie ein Kollektivsubjekt postulieren, das es in Wirklichkeit nicht gibt. Die Menschheit, das sind Han-Chinesen, Bayern und Inuit – was soll sie verbinden außer ihrer Zugehörigkeit zu einer biologischen Spezies und allenfalls noch der Neigung, sich über andere Vertreter derselben zu erheben?

Und doch, man muss das am zweiten Tag dieser Kopenhagener Klimakonferenz so vorsichtig sagen, könnte es sie geben. Keine geeinte, handlungsfähige Menschheit natürlich, aber immerhin eine Ahnung, dass so etwas möglich sein könnte.

Woraus diese Ahnung sich speist? Da sind Eindrücke: Die langen Reihen atemloser Gesichter, Menschen aller Hautfarben, die gemeinsam der Eröffnungszeremonie folgen, als hinge ihr Leben davon ab, kein Wort und keinen Ton zu verpassen. Die Eindringlichkeit, mit der ein Wissenschaftler aus Indien, ein Student aus Argentinien, ein Regierungsvertreter aus Mosambik, eine Umweltschützerin aus Pakistan und viele andere in unterschiedlichen Worten das universelle Credo der Klimaschützer vortragen: Die Welt muss sich wandeln. Da ist Ritt Bjerregaard, die Bürgermeisterin von Kopenhagen, die sich nicht scheut, ihre Stadt "Hope-enhagen" zu nennen, was man für einen Ausdruck von Anmaßung oder Verzweiflung halten könnte, käme dieses Worte nicht aus dem Mund einer durchaus würdevollen Dame von nahezu 70 Jahren, die schon einmal EU-Kommissarin war. 

Und da ist die überraschende Begegnung mit dem Hirten Ben aus Mauretanien. Menschen wie Ben sind normalerweise auf Konferenzen dieser Art nicht vertreten. Aber hier in Kopenhagen hängen Bildschirme an den Wänden, auf denen eine Erdkugel rotiert, und wer einen der zahllosen bunten Punkte auf diesem virtuellen Globus antippt, der kann für einen Moment den Ort wechseln und sehen, wie Ben mit seiner Familie auf einem Eselskarren durch eine nahezu verwüstete Landschaft zu einer Wasserstelle fährt, wie er gräbt, wie er an einem Seil ein paar Plastikkanister voll Wasser nach oben zieht, während man erfährt, dass die Sahara jedes Jahr um Tausende Quadratkilometer wächst.

All das ist natürlich kein Beweis für eine neue globale Einigkeit. Verzückte Enthusiasten finden sich auch im Publikum geschäftstüchtiger Erweckungsprediger, und große Versprechungen haben noch jedes Start-up begleitet, das Investoren sucht. Aber hier ist eine globale Elite zusammengekommen, um über ein Vorhaben zu beraten, das in der Geschichte der Menschheit ohne Beispiel ist: die Erde in einem Zustand zurückzuversetzen, in dem sie war als wir entstanden sind und unsere Zivilisationen geschaffen haben. Dazu müssen sich ausgerechnet die reichsten und mächtigsten dieser Zivilisationen einem Wandel unterziehen, der in seiner Radikalität wohl nur mit der industriellen Revolution vergleichbar ist und keinesfalls länger dauern darf als diese. Und dass sie alle, der polnische Student, der Forscher aus Indien, die Umweltschützerin aus Pakistan voller Tatendrang über die kommenden Tage sprechen – das erzeugt das Gefühl, womöglich gerade einen seltenen Moment zu erleben, in dem die Rede von der Menschheit Sinn ergibt.

Dieses Gefühl verflüchtigt sich nicht, wenn man das Konferenzzentrum verlässt, das die Gipfelteilnehmer beherbergt, wenn man auf einem der Fahrräder, die den Gästen zur Verfügung stehen, über die boulevardartigen Radwege Kopenhagens gleitet, durch eine Stadt, die soeben angekündigt hat, ab dem Jahr 2025 CO₂-neutral zu wirtschaften. "Hopenhagen live" heißt das Rockkonzert, das zum Rahmenprogramm der Konferenz gehört. "Reiche Länder, zahlt eure Klimaschulden!", fordern Demonstranten, über allem schwebt ein gigantischer Globus, der anzeigt, dass 78 Prozent der Kopenhagener glauben, im Jahr 2050 könnten Papageien in ihrer Stadt im Freien überwintern. Siemens und Vattenfall unterstützen dieses Ereignis, auch Coca-Cola ("A Bottle of Hope") ist dabei. Die Konzerne waschen sich auf zynische Weise rein, könnte man jetzt schimpfen. Aber dies sind Unternehmen, die es sich nicht leisten können, in diesem Kampf auf der Seite der Verlierer zu stehen.