Wollte man bedeutende Werke der Weltliteratur nach ihren ersten Sätzen beurteilen, käme Tolstois Anna Karenina glänzend weg: »Alle glücklichen Familien sind einander ähnlich, jede unglückliche Familie ist unglücklich auf ihre Weise.«

Gleich von mehreren – glücklichen und unglücklichen – Familien handelt Tolstois 1878 (in einer dreibändigen Buchausgabe) erschienener Roman, doch im Zentrum steht Anna, deren Ehe mit dem Petersburger Würdenträger Karenin durch ihre Liebe zum leidenschaftlichen Offizier Graf Wronski spektakulär scheitert, worauf auch die Passion unaufhaltsam dem Desaster zusteuert. Tolstoi lotet die psychologischen Tiefen und gesellschaftlichen Konsequenzen dieser Tragödie meisterhaft aus, doch zum Spannendsten gehört, wie er sie auf den ersten zweihundert Seiten vorbereitet.

Anna – anmutig, lebhaft, herzlich, klug – spielt mit dem Feuer, denn vom ersten Moment an sagt ihr Verstand Nein, während ihr Körper Ja sagt. Diesem Zwiespalt entsprechen die Wechselbäder von Scham und Trotz, von Loyalität und Lüge, von Rücksicht und Rücksichtslosigkeit. Als sie schließlich dem Begehren nachgibt, weiß sie mit untrüglichem Instinkt, dass sie sich gegen alle und alles entschieden hat. »Alles ist zu Ende«, sagt sie zum Geliebten. »Ich habe nun nichts außer dir. Vergiss das nicht.«

Die Flucht nach vorn in Ausschließlichkeit und Weltvergessenheit ist der Leidenschaft inhärent. Es stimmt, dass Anna als Ehebrecherin aus dem Kreis der Hautevolee moralisch-gesellschaftlich abgestraft wird, doch die Rache vollzieht sich in erster Linie als Selbstbestrafung. Die Amour fou trägt in ihrer Absolutheit den Keim der Zerstörung in sich. Alles, was kommt – Schuld und Schuldzuweisung, Eifersucht und Verzweiflung, Einsamkeit und Tod –, ist der Leidenschaft selbst geschuldet und nur zu einem geringen Teil dem Druck von außen. Tolstoi überzeugt als Psychologe, nicht als Moralist.

Das zeigt sich schon daran, dass er seine Anna bis zuletzt mit größter Empathie zeichnet, liebenswert noch in ihrem Elend, während der süffisante Karenin als rechthaberisch-engherzige Figur kaum Lesersympathien zu wecken vermag. Allerdings versäumt es Tolstoi nicht, im Roman ein ideales Paar darzustellen: Kitty Schtscherbazkaja und Konstantin Lewin verkörpern eine Ehe, die sich höhere Ziele setzt. Fern vom großstädtischen Tumult leben sie ein rechtschaffenes Leben auf dem Lande: Lewin als fortschrittlicher Gutsbesitzer, Kitty als vorbildliche Mutter. Die Idylle wirkt fast zu perfekt, um wahr zu sein. Doch möchte man Tolstois Naturbeschreibungen und die philosophischen Grübeleien seines Alter Ego Lewin ungern missen.

Ob pessimistisch oder nicht, Anna Karenina ist ein großartiger Roman, der einen schon auf der ersten Seite in seinen Bann zieht und bis zum Schluss nicht loslässt. Kein Wunder, dass er rund zwanzigmal allein ins Deutsche übersetzt wurde. Jetzt liegt er in einer neuen Übertragung von Rosemarie Tietze vor – ein Glücksfall. Tietze bemüht sich – wie sie es in ihrem aufschlussreichen Nachwort formuliert –, die Figurenstimmen herauszuarbeiten, die akribischen Details handfest-exakt wiederzugeben, den stilistischen Diapason und spezifischen Rhythmus von Tolstois Sprache zu erfassen. Das gelingt ihr vorzüglich. Ihre Übersetzung wirkt lebendig und frisch. Es gibt funkelnde Funde wie »Karaffinen-Damen« (statt »in Likörflaschen verwandelte Frauen«), temperamentvolle Umgangssprachlichkeit (»heda!«) und lustvolle Anschaulichkeit.