Wenn Jörg Carlsson seine Exkollegen aus Deutschland trifft, stößt er auf Vorurteile. »Schwedische Patienten, so denken die, müssten alle lange auf eine Behandlung warten. Und die Alten würden keine neue Hüfte mehr kriegen«, sagt der Kardiologe. »Alles falsch!« Im Gegenteil.

An seinem neuen Arbeitsplatz sei vieles besser, sagt der Deutschschwede. 2003 siedelte Carlsson in die ostschwedische Küstenstadt Kalmar über, er ist dort Abteilungsleiter im örtlichen Kreiskrankenhaus. »Hier achten wir darauf, was gut für den Patienten ist«, sagt er, »in Deutschland dagegen geht es vor allem darum, was gut für die Klinik ist.«

Er hat es selbst erlebt: Gebe es an einer deutschen Klinik die Kapazität für 3000 Herzkatheter-Untersuchungen im Jahr, dann sei man angehalten, diese auszuschöpfen – manchmal auch unnötigerweise. Darum finde man hierzulande in jedem zweiten Fall gesunde Herzkranzgefäße vor. In Schweden wird die teure Untersuchung gezielter eingesetzt – und nur jeder vierte Untersuchte entpuppt sich als gesund.

Offenbar funktioniert dort das, woran das angeblich hervorragende deutsche Gesundheitssystem scheitert. Der entscheidende Kniff: Anders als in Deutschland mit seinen Quoten wird in Schweden erst darüber nachgedacht, was nötig und sinnvoll ist. Behandlungsoptionen werden ethisch und nach Kosteneffizienz abgewogen. Priorisierung heißt dieses Prinzip, und es sorgt nicht nur für eine bessere Versorgung, sondern ist auch die Grundlage für eine gerechtere Verteilung der Ressource Medizin – sogar dann, wenn es später finanziell einmal eng werden sollte.

In Deutschland hingegen tun Ärzte und Politiker so, als sei noch immer jede notwendige Therapie oder Diagnostik jederzeit für alle Patienten verfügbar. Angesichts leerer Kassen überlegt die neue schwarz-gelbe Regierung vor allem, wie sie mehr einnehmen kann. Daher debattiert sie über »Kopfpauschalen«. Oder allenfalls darüber, wie sich aus den alten Strukturen noch etwas mehr Leistung herauspressen lässt – »Effizienzreserven mobilisieren« heißt das in vornehmem Jargon.

Die wesentliche Frage jedoch, wie sich die vorhandenen Mittel zielgerichteter an die Patienten bringen lassen, bleibt unbeachtet. Auch weil Priorisierung wie Rationierung klingt und mancher darunter fälschlicherweise versteht: viel zahlen, wenig rausbekommen. Deshalb gilt die Idee der Priorisierung bei uns als vermintes Gelände. Weil sie bedeuten kann, dass Behandlungen verwehrt werden – wenn sie sich offenkundig »nicht lohnen«. Wer sich über diese Sichtweise empört, verkennt, dass in Deutschland schon längst nicht mehr alle bekommen, was sie gern möchten. Und manche nicht einmal, was sie brauchten.

Noch fällt die Misere kaum auf, weil die Mittel nicht so knapp sind, dass Überlebenswichtiges vorenthalten wird. Wann aber die alternde Gesellschaft eine offene Rationierung unumgänglich macht, ist nur eine Frage der Zeit. Dann ist besser gewappnet, wer es wie die Schweden macht: schon heute sortieren, was wichtig ist – und was entbehrlich.