Für die Beziehung zwischen Arzt und Patient ist diese heimliche Rationierung Gift. Sie fördert Misstrauen und Unehrlichkeit. "Offiziell müssen wir unseren Patienten vermitteln, dass sie alles medizinisch Notwendige bekommen", sagt Martin Grauduszus, Präsident des Fachärzteverbandes. "Dabei wissen wir, dass das nicht stimmt."

Olaf Redler kennt beides aus seinen Sprechstunden: den Mangel wie den Überfluss, das Sparen am Sinnvollen wie die Verschwendung. Dreimal sechs Sitzungen beim Physiotherapeuten zum Beispiel darf der Hamburger Arzt Patienten verschreiben. Vielen Kranken reichen die Stunden. Andere jedoch benötigen eine längere Gymnastik. Zwar darf Redler Ausnahmen machen. Doch wenn er zu häufig sein Kontingent überschreitet, droht die Kassenärztliche Vereinigung mit einer Prüfung seiner Praxis.

Am meisten stört Redler jedoch, dass Patienten sein "Wartezimmer verstopfen", die seine Hilfe nicht benötigen – während er Leidenden nicht helfen kann. Weil er sie nicht versteht. Weil ihm die Zeit fehlt. Weil er die falsche Ausbildung hat. Oft fühlt er sich wie der falsche Mann am richtigen Ort. Denn zwei Drittel kommen wegen Lappalien zu ihm, schätzt Redler. Sie haben Rückenschmerzen, da sie sich zu wenig bewegen, Bauchgrimmen oder leichtes Fieber, weil sie sich einen Infekt geholt haben. Für diese Diagnosen brauchte es keinen Arzt, sagt Redler. "Eine Krankenschwester könnte die Arbeit ebenso gut tun."

In anderen Fällen reichen seine Mittel nicht aus, um Patienten von ihrem Leiden zu befreien. Was etwa soll er dem Postboten verschreiben, der statt wie früher 300 heute 600 Briefe verteilen muss und den vor lauter Stress eine Migräne plagt? Wie hilft er der afghanischen Asylbewerberin, die alle paar Wochen in seiner Praxis erscheint? Asthma, Gelenkschmerzen und Schlafstörungen stehen in ihrer Krankenakte. In Wirklichkeit leidet sie darunter, in einem fremden Land zu leben, dessen Sprache sie nicht spricht. Wie kann Redler der alleinerziehenden Mutter helfen, die ihren Kummer mit Fressattacken betäubt und sich einen Diabetes zugezogen hat? Und welche Therapie nützt der 70-jährigen Ehefrau mit permanentem Erschöpfungssyndrom, die ihren Alzheimer-kranken Mann zu Hause pflegt?

Solche Patienten benötigen viel Zeit und mehr als nur medizinische Expertisen, auch einen Sozialarbeiter, Familientherapeuten oder Erziehungsberater. Jemanden, der sie durch den Alltag bringt. Redlers Praxis kann weder das eine noch das andere bieten. Dafür verschreibt er im Zehnminutentakt Pillen und Spritzen. "Ich mache heute eine Medizin, die ich eigentlich niemals machen wollte", sagt der 49-Jährige. Dabei nimmt er sich schon mehr Zeit als die meisten seiner Kollegen – und wird dafür mit niedrigem Verdienst bestraft.

Die Gesundheitspolitik müsse andere Schwerpunkte setzen, fordert der Hausarzt Redler: die Vorsorge fördern und eine Sozialmedizin, die der Betreuung der Patienten mehr Zeit einräumt. Auch der Medizinethiker Georg Marckmann plädiert für eine offene Diskussion über den Umgang mit der Knappheit in der Medizin. Denn unabhängig davon, wie Gesundheitspolitiker kurzfristig die Einnahmen – Kopfpauschale! Bürgerversicherung! – organisieren: Die Debatten über die Ausgaben werden nicht verschwinden. Um eine willkürliche Mangelverwaltung zu verhindern, so Marckmann, müsse die Politik gemeinsam mit Ärztevertretern und Patienten Kriterien entwickeln, welche Art der Krankenversorgung man in Zukunft wünsche.

"Wir steuern auf einen enormen Engpass zu", warnt er. "Die Frage lautet deshalb nicht, ob eine Rationierung nötig ist, sondern wie man sie gerecht und transparent organisiert."

*Namen geändert

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