Wie Wilhelm Grimm das Märchen erfand – Seite 1

Überall auf der Welt gibt es Märchen, aber keine Sammlung, abgesehen von den Erzählungen aus Tausendundeiner Nacht, ist so berühmt geworden wie die Kinder- und Hausmärchen von Jacob und Wilhelm Grimm . Schon bald nach ihrem ersten Erscheinen 1812 wurden sie in ganz Europa übersetzt. Ende des 19. Jahrhunderts gelangten sie nach Japan, in die USA, und heute sind sie der Inbegriff dessen, was man Märchen nennt. Das Bild, das die Welt von den Deutschen hat, ist von Grimms Märchen, wie sie kurzerhand heißen, entscheidend geprägt: vom Froschkönig, der ein Prinz ist; vom bösen Wolf, der die Geißlein frisst; von der Stiefmutter, die Schneewittchen vergiften will. Und die Hecke, die Dornröschens Schloss umwuchert, die langen Haare, die Rapunzel zu ihrem Geliebten hinabfallen lässt, der tiefe deutsche Wald, in dem Hänsel und Gretel sich verirren – das sind Szenen, die fast der ganze Erdkreis kennt.

Diese anheimelnd unheimliche Bilderwelt halten wir, vielleicht gar mit einem gewissen Stolz, für typisch deutsch, wir neigen zu der Annahme, es handele sich dabei um ganz ursprüngliche, aus der Tiefe der Volksseele stammende Geschichten, wir vermuten darin eine besonders authentische Literatur. Deshalb trennen wir ja auch die anonymen "Volksmärchen", wie sie nicht allein die Grimms, sondern auch Johann Karl August Musäus, Ludwig Bechstein und viele andere gesammelt haben, von den literarischen "Kunstmärchen" eines E.T.A. Hoffmann oder Hans Christian Andersen .

Man kann aber mit guten Gründen das Gegenteil behaupten: dass nämlich erstens die meisten der Grimmschen Märchen gar nicht deutsch sind und dass sie zweitens in ihrer so wirkungsmächtig gewordenen Form von den Grimms erfunden wurden – vor allem von Wilhelm, dem Jüngeren der beiden, der vor 150 Jahren, am 16. Dezember 1859, in Berlin gestorben ist. Meist stellt man sich vor, die Brüder seien übers Land gezogen, hätten sich von der Köchin des Wirtshauses im Spessart oder von der Dienstmagd des Amtmanns in Hanau Märchen erzählen lassen und sie getreulich aufgeschrieben. So war es keineswegs.

Jacob und Wilhelm waren keine fahrenden Feldforscher, sondern Bibliothekare, lange Zeit in Kassel , später in Göttingen, dann lehrten sie als Professoren in Berlin. Sie verließen ihre Studierstube nur, wenn es sein musste, und an die Märchen kamen sie über Mittelsleute, die sie aus ihrem Bekanntenkreis gewannen. Zumeist waren das Frauen mit gebildetem Hintergrund, etwa die Schwestern Hassenpflug in Kassel, deren Mutter hugenottischer Herkunft war. Zu Hause sprach man Französisch, und es ist offenkundig, dass die Märchen, die dort erzählt wurden, in ihrer Mehrzahl aus dem Umkreis der berühmten Sammlung von Charles Perrault stammten (1697). Jedenfalls haben scheinbar urdeutsche Märchen wie Dornröschen , Der gestiefelte Kater , Rotkäppchen , Aschenputtel oder Hänsel und Gretel allesamt französische Vorbilder. Was wiederum nicht heißt, sie wären "urfranzösisch". Die Überlieferungswege liegen meist im Dunklen, manche führen zurück bis in die Antike, andere nach Persien, von da nach Indien .

Jacob hielt Wilhelms Bearbeitungen für unwissenschaftlich

Die Grimms hatten ihre Texte aus zweiter oder dritter Hand. Einige entnahmen sie, wenig zimperlich, alten Anthologien, vergessenen Schriften des Barock oder dem Pentamerone des Giambattista Basile (1674). Ihre rühmenswerte Leistung besteht darin, diesen Vorlagen einen eigenen Ton, eine einheitliche Gestalt gegeben zu haben, sie haben die Märchensprache, die uns wie eine natürliche vorkommt, konstruiert. Wer ihre Redigaturen mit den Vorlagen vergleicht, erkennt das leicht: Ihre Sprache ist schlanker und poetischer, sie fingiert Volkstümlichkeit, sie ist angereichert mit den Alltagsweisheiten und Redewendungen ihrer Herkunft, etwa mit dem hessischen "Ei, freilich". Es war Wilhelm, der solche Verschönerungen gegen Jacob, der sie für unwissenschaftlich hielt, durchgesetzt hat, er war es, der für die Texte den idealen Märchenton gefunden hat.

Das Märchen vom Froschkönig zum Beispiel beginnt in der ersten, handschriftlichen Fassung von 1810 so: "Die jüngste Tochter des Königs ging hinaus in den Wald und setzte sich an einen kühlen Brunnen . Darauf nahm sie eine goldene Kugel und spielte damit, als diese plötzlich in den Brunnen hineinfiel." Das nun ist der Stil eines Berichts, wie er nüchterner kaum gedacht werden kann. Er rechnet damit, dass die folgende Szene mit dem Frosch ihre Wirkung erzielt. Wilhelm Grimm hat darauf nicht vertraut, sondern Schritt für Schritt eine entschlossene Literarisierung betrieben, die in der Auflage von 1857 ihre perfekte Gestalt gefunden hat:

"In den alten Zeiten, wo das Wünschen noch geholfen hat, lebte ein König, dessen Töchter waren alle schön, aber die jüngste war so schön, dass die Sonne selber, die doch so vieles gesehen hat, sich verwunderte, so oft sie ihr ins Gesicht schien. Nahe bei dem Schlosse des Königs lag ein großer dunkler Wald, und in dem Walde unter einer alten Linde war ein Brunnen: wenn nun der Tag recht heiß war, so ging das Königskind hinaus in den Wald und setzte sich an den Rand des kühlen Brunnens: und wenn sie Langeweile hatte, so nahm sie eine goldene Kugel, warf sie in die Höhe und fing sie wieder; und das war ihr liebstes Spielwerk. Nun trug es sich einmal zu, dass die goldene Kugel der Königstochter nicht in ihr Händchen fiel, das sie in die Höhe gehalten hatte, sondern vorbei auf die Erde schlug und geradezu ins Wasser hinein rollte."

 

Man sieht, wie Wilhelm aus glanzloser Prosa jene Märchenpoesie hervorzaubert, die wir alle kennen. Er beschenkt uns mit dem berühmten Einleitungssatz "In den alten Zeiten, wo das Wünschen noch geholfen hat…"; er reichert die Geschichte mit romantischen Motiven an, mit dem großen dunklen Wald, mit der alten Linde; er greift zur Verniedlichung ("Händchen") und zur metaphorischen Steigerung: Das Königskind war so schön, "dass die Sonne selber, die doch so vieles gesehen hat, sich verwunderte, so oft sie ihr ins Gesicht schien".

Ähnlich ist Wilhelm in vielen Fällen verfahren, und sein Vorbild war jener Typus des idealen Märchens, den er in den Zulieferungen von Philipp Otto Runge erblickte, vor allem im Märchen Von dem Fischer un syner Fru . Es ist aber, wie der Märchenforscher Heinz Rölleke gezeigt hat, ganz unwahrscheinlich, dass Runge die Geschichte genauso weitergegeben hat, wie er sie (vielleicht) erzählt bekam. Denn auffällig ist die kunstvolle Architektur der Erzählung, in der die Fischersfrau ihre Forderungen an den wundertätigen Butt in immer kürzeren Abständen steigert, bis hin zu dem Wunsch, Kaiser zu sein, Papst und schließlich Gott, woraufhin beide wieder in ihrem "Pisspott" landen; und ganz bestimmt hat der Maler Runge die eindrucksvolle Farbgebung erfunden, die das Meer weiß, gelb, grün, dann violett, schwarzgrau und endlich vollkommen schwarz erscheinen lässt.

Man suchte die "ewige Quelle" der deutschen Kultur

Wilhelm aber hielt an der Fiktion des Volksmärchens fest. In seiner Vorrede sagt er: "Wir haben keinen Umstand und Zug der Sage selbst verschönert, sondern ihren Inhalt so wiedergegeben, wie wir ihn empfangen hatten." Doch nun folgt der entscheidende Nachsatz: "Dass der Ausdruck und die Ausführung des Einzelnen großenteils von uns herrührt, versteht sich von selbst." Wilhelm ging es darum, den vermuteten Urzustand von fremden Zusätzen zu reinigen. Dabei leitete ihn die romantische Idee einer "Naturpoesie", ein eigentlich seltsamer Begriff, der in eins setzt, was wir heute getrennt denken. Wilhelm schreibt: "Was so mannigfach und immer wieder von neuem erfreut, bewegt und belehrt hat, das trägt seine Notwendigkeit in sich und ist gewiss aus jener ewigen Quelle gekommen, die alles Leben betaut. Darum geht innerlich durch diese Dichtungen jene Reinheit, um derentwillen uns Kinder so wunderbar und selig erscheinen: sie haben gleichsam dieselben blaulichweißen, makellosen, glänzenden Augen."

Manche Romantiker verspotteten diese Verehrung des Kindlich-Reinlichen. In dem, was da aus alten Überlieferungen hervorgekramt wurde, erblickte Friedrich Schlegel vor allem den "Trödel" und die "Rumpelkammer wohlmeinender Albernheit". Aber es war der Zug der Zeit, die "ewige Quelle" der Poesie zu suchen und damit den Ursprung deutscher Kultur. Der Gedanke ging auf Herder zurück, der das Sammeln von Volksliedern und Märchen angeregt hatte. Clemens Brentano und Achim von Arnim folgten ihm mit ihrer Anthologie Des Knaben Wunderhorn (1806), die nur Gedichte enthielt, aber um Märchen erweitert werden sollte. Dafür wollten sie die Brüder Grimm gewinnen. Die Zusammenarbeit zerschlug sich jedoch, und die Grimms machten ihre eigene Ausgabe.

1807 schrieb Brentano an Arnim: "Ich habe hier zwei sehr liebe altteutsche vertraute Freunde, Grimm genannt." Der Begriff "altteutsch" barg die Sehnsucht nach einer verbindenden Kraft, in der sich die politische Zerrissenheit auflösen sollte. Es entstand ein romantisch-idealistischer Rausch, der sich später ideologisch-nationalistisch aufladen sollte. Altdeutsch waren die Burschenschaften, über die Franz Mehring schrieb: In ihnen "kreuzten sich mittelalterliche Träume von Kaiser und Reich mit einem jakobinischen Ingrimm". Altdeutsch war auch jene Tracht, die man auf Caspar David Friedrichs Bildern findet: Männer in langen Mänteln und mit umfänglichen Hüten oder Mützen aus Fell. Wer so etwas trug oder malte, gab seine oppositionelle Gesinnung zu erkennen.

Die Grimms waren keine dezidiert politischen Köpfe, obwohl sie zwei von den "Göttinger Sieben" waren, jenen Professoren, die 1837 gegen den Verfassungsbruch Ernst Augusts I. von Hannover protestierten und entlassen wurden. Sie zählten zu jenen linkskonservativen Geistern, denen an der Konstruktion einer deutschen Kulturnation dringend gelegen war. Sie waren Mitbegründer der Germanistik, die mit der Wiederentdeckung der Literatur des Mittelalters eine nationale Literaturgeschichte schreiben wollte. Ihre Deutsche Grammatik (1819) und ihr Deutsches Wörterbuch (1839) wurden zu Grundsteinen des Fachs. Und sie sammelten Sagen und Märchen. Was gewissermaßen unschuldig begonnen hatte, geriet immer mehr in den moralisch-kulturellen Sog pränationaler Bestrebungen.

Zu Beginn war das Märchenbuch gar nicht ausschließlich für Kinder gedacht. "Ich hätte nicht mit Lust daran gearbeitet, wenn ich nicht des Glaubens wäre, dass es den ernstesten und ältesten Leuten so gut wie mir für Poesie, Mythologie und Geschichte wichtig werden und erscheinen könnte", schrieb Jacob Grimm an Arnim. Aber je erfolgreicher es wurde (anfangs verkaufte es sich nur mit Mühe, aber die Grimms waren zähe Pioniere), je mehr es in die Familien und Kinderstuben Einzug hielt, desto mehr wurde kritisiert, dass die teilweise grausamen Geschichten für Kinder nicht geeignet seien. Wilhelm Grimm verteidigte sich zwar, schrieb aber in seinem Vorwort von 1819: "Wir haben jeden für das Kinderalter nicht passenden Ausdruck in dieser neuen Auflage sorgfältig gelöscht."

 

Die schwangere Rapunzel und der nackte Prinz wurden gestrichen

In der Tat reinigte Wilhelm die Geschichten von allzu erkennbarer Erotik. In einer frühen Fassung von Rapunzel wird die Schwangerschaft des Mädchens im Turm deutlich angesprochen, was Wilhelm später wegließ; und im Froschkönig fällt der Frosch, nachdem ihn die Prinzessin an die Wand geworfen hat, als nackter Mann in ihr Bett: "Und lag darin als ein junger schöner Prinz, da legte sich die Königstochter zu ihm." Auch das hat er gestrichen. Ebenso jene Art von Grausamkeit, die sich in der Erzählung Wie Kinder Schlachtens miteinander gespielt haben noch findet. Anders als das fantastisch-irreale Abschneiden von Zehen (Aschenputtel) oder das Herausholen der Großmutter aus dem Wolfsbauch (Rotkäppchen) muss ihm diese wahrhaft monströse Geschichte allzu realitätsnah vorgekommen sein. Sie stammt fast wörtlich aus einer Anthologie von 1661 und handelt davon, dass zwei Kinder miteinander spielen und eines dabei das andere ersticht. Die Mutter, die ihr jüngstes Kind in einem Zuber badet, hört das Schreien, läuft herbei, sieht, was passiert ist, und ersticht das andere Kind. Unterdessen ist das jüngste im Bad ertrunken. Die Frau ist so verzweifelt, dass sie sich aufhängt. Als der Mann nach Hause kommt, ergreift ihn ein solcher Kummer, dass er kurz darauf stirbt.

Von solchen Familienkatastrophen liest man ja manchmal in den vermischten Nachrichten, aber dass sie Teil von Grimms Märchen sein könnten, hätte man nicht gedacht; mit Recht, denn Wilhelm hat am Ende all das Krude daraus entfernt, das es im Volksmund durchaus gibt. Peter Rühmkorf hat später vom "Volksvermögen" gesprochen, worin sich ja auch das Obszöne, Brutale und Groteske findet, als Spiegelbild und Zerrbild gesellschaftlicher Verhältnisse. Die änderten sich damals, als die Grimms ihren Blick in die Vergangenheit richteten, rapide. Die Industrialisierung kam über die bürgerliche Gesellschaft wie ein Orkan, der das Unterste zuoberst kehrte, und man errichtete windgeschützte Zonen der Innerlichkeit, wo das Wünschen noch half, wo es noch keine Dampfmaschinen gab, sondern nur vergleichsweise harmlose Hexen und Feen. Mit ihren Märchen lieferten die Grimms das Hausbuch alternativer Wirklichkeiten. Und wenn es nicht gestorben ist, so lebt es noch heute.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio