Jedes Jahr zur Saisoneröffnung der Mailänder Scala darf der ganz normale Wahnsinn Regie führen. Bei keinem anderen Hochkultur-Spektakel überbieten sich die Zeitungen so großformatig mit Vorberichten, drängen sich am Premierenabend so viele Zaungäste an den Absperrgittern, zuckt das Blaulicht der vorfahrenden Polizeieskorten so dramatisch, fällt der Lärm der gegen Reichtum und Verschwendungssucht protestierenden Demonstranten so schrill aus. Das Eingangsfoyer der Scala gleicht eine Stunde lang einem Börsensaal im Augenblick explodierender Kurse. In qualvoller Enge wird jeder eintreffende Prominente von laut rufenden Boulevardjournalisten, Fernsehteams und Fotografen bestürmt. Die Einzigen, die das Yellow-Press-Inferno mit einem eingefrorenen Nichtlächeln überblicken, sind zwei Ehrengardisten in Prachtuniform, die den Aufgang zu den Logen bewachen. Man wähnt sie auf einem Podest stehend, so hoch ragen ihre Schultern über das Foyergewusel hinaus. Aber ein Blick nach unten zeigt: Ihre Füße stehen auf dem Marmorboden. Sie haben die Körpergröße von surreal langen Basketballriesen. Spätestens hier versteht der Letzte, dass eine Scala-Eröffnungspremiere nicht mit normalen Maßstäben zu messen ist.

Auch drinnen auf der Bühne muss traditionell, dem Anlass entsprechend, alles größer und aufwendiger ausfallen, von den Chormassen bis zum Kulissengemäuer. Was einem Stück wie Georges Bizets Carmen, das in diesem Jahr auf dem Programm stand, naturgemäß nicht gut bekommt. Dessen Stärken liegen nämlich jenseits des folkloristischen Torero-Trubels im Drama der Individuen und in den intimen Zweierkonstellationen. Der Dirigent des Abends, Daniel Barenboim, weiß das natürlich: Schwarz dräuend und mit geradezu wagnerhaftem Pathos lässt er das Todesmotiv am Ende der Ouvertüre grollen, ein bekenntnishafter Hinweis zu Beginn. Aber für den Rest des Abends ist er sich dann doch nicht zu schade, eine Carmen mit viel Lautstärke, Schmiss und Knalleffekten zu dirigieren, auf dass auch die botoxgespritzte, kaugummikauende, mitten in der Aufführung mit dem Mobiltelefon hantierende Premierenklientel, die sich im rotsamtenen Logenrund mit dem ehrwürdigen Mailänder Kulturadel mischt, auf ihre Kosten kommt.

Die Regisseurin Emma Dante, eine vom Schauspiel kommende, kontrovers diskutierte Hoffnungsträgerin des italienischen Theaters, hat für Scala-Verhältnisse viel tapferer gegen die üblichen Carmen-Klischees aninszeniert. Ihr Sevilla ist ein von erzkatholischer Moral unterdrückter und mit militärischer Gewalt terrorisierter Ort der Unfreiheit. Marionettengleich bewegen sich die Betschwestern in der Eröffnungsszene, und die Soldaten inszenieren ihren Wachwechsel als zynische Scheinerschießung.

In solch repressiven Verhältnissen nehmen Fabrikarbeiterinnen die langen Messer des Selbstbefreiungskampfes in die Hand. Eine so wutrasende, aggressiv um sich schlagende und für ihre Freiheit mit Haut und Haaren kämpfende Frauenrebellenhorde wie in Mailand hat man in Carmen-Inszenierungen selten gesehen. Nur mit dem Gewehr im Anschlag und Warnschüssen in die Luft schaffen es die Soldaten, den Aufstand niederzuschlagen. Emma Dantes Frauen stehen über den Rollen, die ihnen von der machistischen Männerwelt zugewiesen werden. Ihr Spiel mit Nonnenhauben und Blume im Haar ist ein ironisches Als-ob und ihr Schenkelspreizen ein aggressiver Akt femininer Selbstbestimmung. Daraus hätte Spannendes werden können, wenn die Inszenierung nicht von Akt zu Akt immer tiefer in üppigem Dekor versinken würde. In der Schlussszene schwingt ein riesiges Weihrauchfass über dem mit roten Taschentüchern den Bilderbuchstierkämpfern zuwinkenden Volk – und man weiß nicht mehr, ob hier ein letztes ironisches Zeichen gesetzt wird oder ob der Weihrauch nur die farbenfrohe Aufführung segnen soll, im Namen des heiligen Ambrosius.

Muss der nicht als Schutzpatron aller Scala-Eröffnungsabende vor allem den Sängern beistehen? Jonas Kaufmann war der bewährt stimm- und rollensichere Don José, der er seit Jahren ist. Das launische Premierenpublikum feierte ihn, obwohl er kein italienischer Tenor ist. Der Anna-Netrebko-Gatte Erwin Schrott sang den Escamillo einnehmend als charismatischen Gewaltmenschen. Das Carmen-Sensationsdebüt der jungen Georgierin Anita Rachvelishvili, einer Elevin aus dem Mailänder Opernstudio, die zuvor noch nie in einer großen Rolle auf der Bühne gestanden hat, glückte ebenfalls. Sie war eine stimmlich ungemein kraftvolle und energische Carmen, wenn ihr auch noch ein paar dramatische Farben fehlen. Die einzige Gefahr, die ihr drohte, war eine beim Schlussapplaus auf die Bühne regnende Blume. Deren Stiel hätte ihr fast ins Auge gestochen.