Wie lange hält sich Berlusconi noch? Wie lange bleibt er noch an der Macht? Die Frage stellt sich nach jedem neuen Skandal. Sexaffären, Korruptionsanklagen, jetzt sogar der konkrete Vorwurf eines Mafia-Aussteigers, Berlusconi habe schon 1993 Kontakte zur sizilianischen Cosa Nostra gehabt. Die Anschuldigungen klingen immer dramatischer, Berlusconis Rundumschläge gegen eine »kommunistische Verschwörung« klingen immer abgedroschener. Immer öfter droht er mit Neuwahlen. Der Glaube der Italiener, es gebe zu ihm keine Alternative, ist seine letzte Hoffnung, an der Macht zu bleiben.

Dieser Glaube bröckelt. Zwar bietet die Mitte-links-Opposition der Demokratischen Partei nach wie vor ein trauriges Bild. Geschlagene acht Monate lang ist sie führerlos geblieben, hat also just in dem Moment versagt, als Berlusconis sexuelle Eskapaden Italien vor der Weltöffentlichkeit der Lächerlichkeit preisgaben.

Doch abseits parteilicher Strukturen ist eine außerparlamentarische Opposition entstanden. Da wäre zum einen die Kirche, die sich, ein Novum in der Nachkriegsgeschichte, immer wieder offen gegen den Premier stellt. Da wären die Intellektuellen, die allzu lange geschwiegen haben. Einen Appell des Schriftstellers Roberto Saviano an Berlusconi, sich seinen Gerichtsprozessen zu stellen, haben bereits 500.000 Bürger unterschrieben. Tausende von Schülern und Studenten protestierten auch in diesem Herbst wieder gegen die Regierung. Zu einem von Bloggern organisierten »No-Berlusconi-Day« trafen sich am Samstag Hunderttausende junge Leute in Rom. Der über das Internet organisierte fröhliche Protest ließ den weidwunden Patriarchen Berlusconi noch älter erscheinen: Selbst sein Medium, das Fernsehen, mit dem er Italien so lange betörend und betäubend in Schach hielt, ist von gestern.

Die Aktionen der Internetgeneration zeigen, dass die Protestkultur in Italien doch nicht ganz erstickt ist. Allerdings ist sie parteipolitisch nicht mehr so eindeutig zuzuordnen wie früher. Auf der Kundgebung in Rom wurden Rufe nach Gianfranco Fini laut. Ausgerechnet Fini, der Parlamentspräsident und Stellvertreter Berlusconis, ist zugleich dessen schärfster Kritiker. Aus dem Ausland erfährt er inzwischen viel Unterstützung. In der Partei wiederum wird er attackiert, kürzlich wurde ihm gar mit Ausschluss gedroht. Denn der Mann, der einst Mussolini als »größten Staatsmann des 20. Jahrhunderts« bezeichnet hat, präsentiert sich nun als Verteidiger demokratischer Institutionen gegen seinen Premierminister. Ein geläuterter Neofaschist als Bannerträger der Demokratie: Das ist Italien heute. Und es ist vielleicht die einzige Chance des Landes.

Noch ist Finis Rolle unklar: Ist seine Haltung echt, oder gibt er nur den Part des Kritikers, für den Berlusconi selbst ihn auserwählt hat? Vieles deutet darauf hin, dass Fini nicht weitere drei Jahre warten will, bis er die Macht in der Partei und im Land übernehmen kann. Er ahnt, dass es dann für ihn und sein Projekt zu spät sein könnte: denAbschied von dem ebenso antidemokratischen wie anachronistischen Führerkult und den Aufbau einer modernen, europäisch ausgerichteten, konservativen Partei.

Denn nicht nur um Berlusconi zieht sich die Schlinge zu, auch um Italien. Seit 15 Jahren geht es in diesem Land nur um Berlusconi, die Politik kennt kein anderes Thema, er selbst sowieso nicht. Und er kennt keine Grenzen, schon gar nicht die der Verfassung. Indem Berlusconi die demokratischen Institutionen aushöhlt und schwächt, spielt er der Mafia in die Hände. Das ist die große Gefahr für Italien, und sie ist real. Um seine eigene Haut zu retten, will der Premier jetzt die Laufzeit für Prozesse und damit auch für die Verfahren gegen die Mafia verkürzen lassen. Das hieße, das Land im Interesse des Regierungschefs den Bossen zu übergeben – wenn man ihn denn gewähren lässt. 

Lange haben Berlusconis Gefolgsleute in jeder Beziehung von ihm profitiert, er bot ihnen Geld, Einfluss und Macht. Jetzt ahnen sie, dass sie sich in eine Sackgasse manövriert haben. Und suchen nach Auswegen. Aber wahrscheinlich wird die letzte Schlacht des Patriarchen auch bei ihnen einen Trümmerhaufen hinterlassen. Der Berlusconismus endet vermutlich nicht mit einer dringend notwendigen Selbstreinigung, sondern in purer Erschöpfung. Zurück bleibt ein politisch zermürbtes Land, das viele bereits aufgegeben haben. Denn trotz Blogger-Aktionen und Schüler-Demonstrationen: In den vergangenen Jahren haben so viele junge Akademiker Italien den Rücken gekehrt wie noch nie zuvor. Die Besten verlassen ein marodes Land.