Im Jahr 1512 fesselten die spanischen Eroberer den Taino-Häuptling Hatuey auf einen Scheiterhaufen in Yara, Kuba, um ihn bei lebendigem Leib zu verbrennen. Hatuey war der erste Häuptling der Neuen Welt, der es gewagt hatte, sich gegen die Konquistadoren aufzulehnen, weil sie die Seinen vergewaltigten, mordeten, ins Meer warfen. Kurz vor seinem Tod fragte ein Priester Hatuey, ob er nicht zum Christentum übertreten wolle, damit er in den Himmel komme. "Sind dort auch die Spanier?", soll Hatuey geantwortet haben. "Dann gehe ich lieber in die Hölle."

Beinahe 500 Jahre später wurde am vergangenen Sonntag Evo Morales erneut mit überwältigender Mehrheit zum Präsidenten Boliviens gewählt. Dass er das Amt innehat, 2005 feierte er seinen ersten Wahlsieg, gilt als Sensation – doch warum eigentlich? Ein indianisches Staatsoberhaupt vom Stamm der Aymara in einem Land, in dem die meisten Menschen, nämlich fast 70 Prozent, indianisch sind, in dem Indianer seit 1953 als gleichberechtigte Staatsbürger gelten. Wenn etwas daran erstaunlich sein sollte, dann doch: Warum hat es so lange gedauert, bis sich die Mehrheit einen Präsidenten suchte, der so ist wie sie selbst?

Evo Morales ist nicht der erste indianische Präsident Amerikas. Ihm voraus gingen der Zapoteke Benito Juarez, der Mitte des 19. Jahrhunderts Mexiko regierte, der Quechua Alejandro Toledo, der bis 2006 die Geschicke Perus bestimmte – keiner aber stellte seine indianische Identität so sehr in den Mittelpunkt wie Morales, der sich 2006 zum obersten Häuptling der indigenen Völker Amerikas küren ließ. Spätestens seither ist offenkundig, dass die indigene Bewegung in Lateinamerika zu einem wichtigen politischen Faktor geworden ist – vor allem in jenen Ländern, in denen ein großer Teil der Bevölkerung indianisch ist, neben Bolivien sind das Guatemala, Peru, Ecuador und Mexiko.

Seit Kolumbus ausgezogen war, Asien zu suchen, und dabei über Amerika stolperte, hatten spanische Eroberer Indianer unterjocht. Ohne sie allerdings so vollständig in die Enge zu treiben, wie es die britischen Siedler mit den nordamerikanischen Ureinwohnern getan hatten. Die Briten kämpften um Land, Indianer konnten da nur stören, den Spaniern ging es um Gold, Rohstoffe und bekehrte Seelen.

Und während die Kolonisatoren im Norden oft ihre Familien mit sich brachten, kamen Spanier und Portugiesen meist allein, sie suchten sich indianische Frauen. Es war nicht der einzige Unterschied. Die katholischen Missionare des Südens legten viel mehr Wert auf Rituale als ihre protestantischen Glaubensbrüder. Oft genügte es ihnen, wenn Indianer und schwarze Sklaven katholische Gebete rezitieren konnten, auch wenn diese nebenher, katholisch ummäntelt, ihre alten indianischen oder afrikanischen Götter anbeteten. Die Indianer des Südens konnten ihre Kultur daher viel besser bewahren als die des Nordens, was vor allem auch daran lag, dass es sich bei den lateinamerikanischen Kulturen meist um Hochkulturen handelte.

Die mestizaje, die Mischung der Völker, Kulturen und Religionen, wurde zum Grundton lateinamerikanischer Identität, was noch lange nicht hieß, dass nun alle zu Brüdern und Schwestern geworden waren.

Denn als sich die Latinos die Unabhängigkeit vom Mutterland erstritten hatten, änderte sich für die Indianer erst mal nicht viel. Die weißen Eliten herrschten, die Indianer blieben so ausgegrenzt wie zuvor. Und doch mussten sich die neuen Staaten nun eine nationale Identität verschreiben, die sich logischerweise von der des Mutterlandes abzugrenzen hatte – sonst hätte man ja gleich Kolonie bleiben können. Und was lag näher, als den Mythos der mestizaje zu feiern? In Mexiko beschwor Erziehungsminister José Vasconcelos in den zwanziger Jahren die fünfte, "die kosmische Rasse, die sich aus allen früheren Rassen zusammensetzt" – und damit die mestizische Nation. Wandmaler wie Diego Rivera erforschten das Erbe der Mayas und Azteken und überhöhten die indianischen Traditionen gemäß ihrer eigenen sozialistischen Ideale – auch wenn das eine nicht immer etwas mit dem anderen zu tun hatte. Darin lag eine Spur von Rousseauscher Sehnsucht nach einer paradiesischen Vergangenheit, die alle Sorgen einer Vielvölkergesellschaft aufzulösen vermöge.