Allein das Gebäude! Seit fast zehn Jahren markiert das Museum Georg Schäfer als kantiger Block einen bis dahin öden Ort am Rand der Schweinfurter Altstadt. Souverän löste der Architekt Volker Staab das Problem, den Sockel einer vorhandenen Tiefgarage einzubeziehen. Einen Betonkubus ließ er aufragen, außen mit hellem Travertin umkleidet und rhythmisch akzentuiert durch Fenster und scharf ins Mauerwerk eingeschnittene Loggien. Kaum vorstellbar, dass Staab beim Bau die Kostenvorgabe von nur 14 Millionen Euro einhielt. Im lichten Inneren führt eine atemberaubend schöne Treppenanlage hoch in die Ausstellungs- und Sammlungsräume, mitten hinein ins Zeitalter der Postkutschen und der Biedermänner. Gemüt und Gemütlichkeit stehen hier im Kontrast zur Klarheit und Strenge der Architektur. Auch das macht den Reiz dieses Museums aus, das eine einzigartige Privatkollektion deutscher und österreichischer Kunst aus dem 19. Jahrhundert birgt.

Die Geschichte des Sammlers Georg Schäfer ist eng mit Schweinfurt verbunden, das im Krieg als Zentrum der Wälzlagerproduktion schwer bombardiert und dann neu aufgebaut wurde. Ein Mitgestalter des bundesrepublikanischen Wirtschaftswunders war der Schweinfurter Kugellagerfabrikant Georg Schäfer (1896 bis 1975). Zu einer Zeit, da die Museen ihre Lücken in moderner Kunst wieder aufzufüllen begannen und Unternehmer der Nierentisch-Ära sich alte Meister zulegten oder die Wonnen der Abstraktion entdeckten, erwarb er unbekümmert auch Unzeitgemäßes: die als frömmelnd und steif verpönten Nazarener, Maler der regionalen Kunstzentren in München, Berlin, Dresden und Wien oder vergessene Kleinmeister. Er kaufte schon einmal Bilder en gros, redete wenig über seine Liebhaberei, ließ sich aber von Kunsthistorikern beraten.

In den 1990er Jahren beschlossen die Erben Georg Schäfers, den Kernbestand der üppigen Sammlung in eine Stiftung zu überführen. Den Museumsbau finanzierte der bayerische Staat, und die Betriebskosten übernahm die Kommune, während die Erbengemeinschaft einen jährlichen Zuschuss garantierte. Heute sind in den Bildersälen 270 von 950 Gemälden ständig zu sehen, ergänzt durch eine Auswahl der Zeichnungen im mittleren Geschoss, das für Wechselausstellungen reserviert ist. Ideenreich konzipiert und großteils auf dem eigenen Museumsfundus basierend, tragen sie erfolgreich dazu bei, das Interesse wachzuhalten.

Im ZEIT-Museumsführer stellen wir Ihnen jede Woche eines der schönsten Museen Deutschlands vor. Um alle bisher veröffentlichten Museumsführer der ZEIT aufzurufen, klicken Sie bitte auf das Bild © Stuart Franklin/Bongarts/Getty Images

Dass sich die Sammlung nicht nur auf kunsthistorische Größen wie Carus, Blechen, Leibl oder Corinth konzentriert, unterscheidet sie erfrischend von der üblichen musealen Auslese. Eine vielgestaltige Bildwelt tut sich auf, die von den Idealen, dem Freundschaftskult der Romantik und vom neuen bürgerlichen Selbstbewusstsein erzählt, von Sehnsuchtslandschaften und heimischer Idylle, fiktiver und beobachteter Wirklichkeit. Ganz ungewöhnlich sind die frühen Darstellungen der Arbeit in Eisenhütten. Auch wer Kinderbildnissen nachspürt, wird hier fündig – und fragt sich angesichts der eindringlichen Knabenporträts Ferdinand von Rayskis, wieso dieser Maler nur Kennern ein Begriff ist. Beeindruckend sind die Werkblöcke zu Caspar David Friedrich, Waldmüller, Menzel, Thoma und Spitzweg, der differenziert und üppig wie in keinem anderen Museum vertreten ist. Ludwig Ferdinand Schnorr von Carolsfeld, von den Nazarenern inspiriert, doch weniger berühmt als sein Bruder Julius, ist hier eine der vielen Entdeckungen. In seinem Sturz vom Felsen flieht ein Liebespaar vor seinem das Recht der ersten Nacht einfordernden Grundherrn. Eng umschlungen, traumverloren schwebt es in den Abgrund, ein zeitloser Augenblick, Inbild gefährdeten romantischen Zaubers.

Bestechend auch im Romantikersaal die lichtdurchflutete Szene einer Frau an der Kirchentür. Das kleine Bild, im freien Pinselduktus ganz untypisch für Georg Friedrich Kersting, hängt gewöhnlich im Depot. Es verrät uns, dass auch dort noch Überraschendes lagert.