Es hätte ihn gefreut, wie sie ihn nun alle loben und preisen, ihn in den höchsten Künstlerhimmel heben, wie sogar die österreichische Bildungsministerin ihn zum »Titanen der internationalen Kunst« ausruft. Und vor lauter Freude hätte Alfred Hrdlicka erstens einen großen Schluck Wodka bestellt und zweitens das große Schimpfen begonnen, hätte lauthals gezetert über das unerträgliche Lobgehudel, die Bigotterie, über die vielen falschen Freunde, die ihm nun nachweinen. Wutentbrannt hätte er sie mit all den Sau-, Schlapp- und Schlammwörtern bedacht, die ihm allzeit auf der Zunge lagen. Denn nichts liebte dieser Mann mehr, als gehasst zu werden.

Alfred Hrdlicka war ein ungemütlicher Zeitgenosse, gerne rüpelhaft und barsch, oft unausstehlich selbstgerecht. Sein Größenwahn schien keine Grenzen zu kennen, allenfalls Michelangelo ließ er neben sich gelten. Und nicht nur als Bildhauer, Maler und Grafiker begriff er sich, ihm gefiel auch die Rolle des Barrikadenkämpfers und Weltrevolutionärs.

Schon deshalb, weil er so maßlos war, weil er keiner politischen Kontroverse und keinem ästhetischen Streit auswich, weil er sich seinen heißen Zorn bis zuletzt bewahrte und es ihm egal war, dass andere ihn als Irrläufer, als einen Wiener Kauz verlachten, dass der Glitzer-Kunstmarkt ihn ignorierte, schon deshalb ist sein Tod ein ungeheurer Verlust. Viel zu lieb, viel zu kuschelig geht es zu in der Kunstwelt der Gegenwart, und nun wird es noch lieber, noch kuscheliger werden. Kein böses Wort, zu niemandem, jedenfalls nicht öffentlich. Und zu politischen Dingen sollen sich doch bitte die Schriftsteller äußern, nicht wir, die Maler und Bildhauer. Könnte ja der Karriere schaden.

Für Hrdlicka war der größte Feind die Belanglosigkeit. Deshalb hasste er abstrakte Bilder, in die sich alles hineingeheimnissen lässt. Deshalb verhöhnte er jene Kunst, die nur um sich selbst, um Stil-, Form- und Theoriefragen kreist. Hrdlicka wollte weder modern noch traditionell sein. Er rang ums Wesentliche, um die großen Menschheitsthemen, das Leiden und Sterben, Verrat, Folter und Tod, Begierde, Rausch, Revolution. Und er wählte dafür das altertümlichste aller Materialien: den Stein.

Auch das machte ihn zu einem der Letzten seiner Art. So gut wie niemand quält sich noch mit Hammer und Meißel, niemand bringt die nötige Geduld auf, die erhebliche Leidensbereitschaft, kein Künstler zermürbt sich Knochen und Gelenke. Ein Damien Hirst beauftragt ein paar Assistenten, für ihn die Tierkadaver in Formaldehyd einzulegen, um damit die Themen Tod und Vergänglichkeit geruchsneutral abzuhandeln. Hrdlicka hingegen suchte den Widerstand, er kämpfte sich ab am Stein, und nur so, in der völligen körperlichen Verausgabung, gewann die Kunst ihre Glaubwürdigkeit – und darauf kam es ihm an. So gerne er sich als dionysisches Künstlergenie inszenierte, so düster-barock, so derb und blutig seine Motive oft waren, im Grunde ging es Hrdlicka um Redlichkeit. Eine geradezu protestantische Arbeitsethik trieb ihn an. Nur ein schuftender Künstler war ein guter Künstler. Selbst das Genie sollte schwitzen.

Geprägt wurde Hrdlicka vor allem von der Arbeiterbewegung. Sein Vater war im Widerstand gegen Hitler, und er selbst, Jahrgang 1928, wurde schon als Junge von der Geheimpolizei verprügelt, erlebte mit, wie ein guter Freund hingerichtet wurde, wie der Bruder an seinen Kriegswunden starb. Bis zur Befreiung Wiens musste sich Hrdlicka verstecken, um einer Verhaftung zu entgehen. Bald schon trat er der kommunistischen Partei bei, bald schon wieder aus, weil er die Niederschlagung der Aufstände in Ungarn nicht hinnehmen mochte. Immer aber blieb er den sozialistischen Idealen treu, er hatte genug Erfahrungen mit dem Unrecht gemacht, um den Traum von einer gerechten Welt ohne Leid und Ausbeutung aufgeben zu können.