Leiden am Paris-Syndrom – Seite 1

Sie sitzen artig in der Hotellobby, die Rücken in die weichen Sofakissen gedrückt, Handtaschen auf den sauber gebügelten Rockschößen, Stadtpläne vor sich auf den niedrigen Tischchen ausgebreitet. In das Violinkonzert, das in Endlosschleife aus dem Lautsprecher schallt, mischen sich Getuschel und unterdrücktes Kichern. Einer filmt die Gruppe. Ein Schwenk von links nach rechts, Totale, Zoom, kein Detail soll hinterher in den Erinnerungen fehlen. 20 Japaner in Paris . Morgens um halb zehn. Gleich werden sie die Stadt erkunden. "Die Stadt der Edith Piaf ", schwärmt Nakazawa Junko, in ihrer Heimat eine bekannte Sängerin. "La vie en rose, l’amour, nicht wahr?" Sie strahlt über das ganze Gesicht, das von einem auf Volumen toupierten Lockenkopf umrahmt ist, wie ihn die Piaf einmal trug. Nur ist der von Junko blond.

Plötzlich baut sich die PR-Chefin des Hotels vor dem knienden Hobbyfilmer auf. "Haben Sie eine Drehgenehmigung? Ohne Erlaubnis dürfen Sie hier nichts aufnehmen." Das Gemurmel verstummt. Der Filmer springt auf und verbeugt sich demütig vor der Frau in hochhackigen Schuhen, die ihn um einen guten Kopf überragt. Erschrockene Blicke zur Dolmetscherin. Die meisten haben kein Wort verstanden. Doch so viel ist klar: Die Frau ist verärgert. Über sie, die Gäste in ihrem Haus, die sich danebenbenommen haben. Hají! Was für eine Schande!

Ach, Paris. Die Stadt der Liebe, wo Pärchen Händchen haltend an der Seine entlangschlendern; die Stadt der Kunst, wo Renoir, Matisse, van Gogh und Picasso malten. Die Stadt, in der elegante Menschen erlesene Weine trinken und raffinierte Gerichte essen. Wie keine zweite Stadt weckt Paris in Japanern rosarote Gefühle, Filme und Werbung lösen tsuioko aus, eine starke Sehnsucht.

Dass Paris auch nur eine ganz normale europäische Metropole ist, die manchmal schmutzig sein kann und nicht gut riecht, dass die Menschen sich hier unhöflich und ruppig gebärden, verstört die meisten Japaner. Einige werden sogar psychisch krank. Sie leiden am Pari shôkôgun, am Paris-Syndrom. Studien wurden über das Syndrom geschrieben, Bücher, die in der japanischen Buchhandlung in Paris fast immer ausverkauft sind, ein Film gedreht. Etwa hundert schwer depressive Japaner müssen jedes Jahr aus Paris nach Hause geflogen werden. Um der Enttäuschung schon im Vorhinein entgegenzuwirken, rät eine Infobroschüre des japanischen Konsulats, dem "romantischen Image dieser Stadt" zu misstrauen. In den bebilderten Szenen trifft eine Manga-Frau auf Taschendiebe, die "Japaner als reiche und einfache Ziele ausmachen", falsche Polizisten, die sie um Hab und Gut bringen, oder Kellner, die ihnen Fantasierechnungen unterjubeln. Übertrieben?

Die blonde Junko mit der Edith-Piaf-Frisur ist sich nicht ganz sicher. Als sie und ihr Mann vor ein paar Jahren zum ersten Mal Paris besuchten, haben sie das Hotelzimmer eine Woche lang nicht verlassen. "Es war ganz furchtbar", sagt sie, während sie, dicht an die anderen gedrängt, aus dem Hotelfoyer trippelt. Damals brauchten sie fünf Stunden, um ihre Unterkunft am Gare du Nord zu finden. Im Reisebüro hatte man ihnen gesagt, sie liege dort ganz in der Nähe. "Doch wir konnten kein Französisch, nur ›merci‹, ›bonjour‹ und so, und wenn wir die Leute auf der Straße auf Englisch fragten, zuckten die nur die Schultern", sagt Junko. Paris erschien ihnen wie der feindseligste Ort der Welt.

Eine Frau, die erklären kann, warum einige Japaner empfindlich auf Ärgernisse reagieren, die die meisten Europäer nach Minuten vergessen haben, ist die Psychologin Fuyu Matsushita. Sie wartet in einem Besprechungsraum im Amerikanischen Krankenhaus in Neuilly-sur-Seine. Mit ihrem blütenweißen Kittel, dem exakt geschnittenen grauen Pagenkopf und den gefalteten Händen strahlt die 63-jährige Japanerin eine beruhigende Autorität aus. " Japan ist eine ausgeprägte Dienstleistungsgesellschaft", sagt sie. Man ist stets bereit zu helfen. Vor allem, wenn jemand von weither kommt. Diese Behandlung wird auch in Frankreich erwartet."

Es seien dann oft die scheinbar unbedeutenden Dinge des Alltags, die an Selbstbewusstsein und Selbstachtung nagen. Wenn der Taxifahrer die Scheibe wieder hochfährt und grußlos davonrauscht, weil ihm das Fahrtziel nicht weit genug entfernt liegt. Oder wenn im Restaurant eine kleine Ewigkeit vergeht, bis der Garçon den Gast bedient und der Kaffee für fünf Euro dann abgestanden und kalt ist. Der japanische Konsularchef soll als junger Mann in einem Bistro einmal die Zahlen verwechselt haben. Niemand machte ihn auf seinen Irrtum aufmerksam, und so saß der angehende Diplomat dann vor zehn Pfannkuchen, obwohl er nur zwei essen wollte. Ein Affront, sagt die Ärztin, gerade für Menschen, die es gewohnt sind, im Supermarkt mit irasshaimase begrüßt werden, was so viel bedeutet wie "Bitte treten Sie näher, seien Sie willkommen".

 

Ein Tourist, der für wenige Tage in Paris weilt, mag solche Demütigungen ohne bleibende Narben verkraften, zumal, da sich immer mehr Hotels Mühe geben, auf die besonderen Bedürfnisse ihrer japanischen Gäste Rücksicht zu nehmen. Das George V an den Champs-Elysées etwa empfängt Japaner nach ihren Ausflügen in die Stadt stets mit einer Tasse frisch gebrühten grünen Tees. Jeden Abend liegen ihre Pyjamas frisch gewaschen und gebügelt auf ihren Betten. Richtig schlimm aber treffe es diejenigen, die länger bleiben, weil sie hier studieren oder eine Zeit lang arbeiten wollen, sagt Matsushita. "Sie wagen sich oft gar nicht mehr aus ihrer Wohnung oder entwickeln Halluzinationen."

Sie erinnert sich noch gut, wie es war, als sie selbst vor 30 Jahren nach Paris kam, mit einem französischen Ehemann, den sie in Japan kennengelernt hatte. Der Alltag habe sie damals vollkommen überfordert. "In Frankreich treffen Sie auf eine Kultur, in der das Individuum zählt." Dass man in einem Wohnhaus seine Nachbarn nicht kennt, sei hier normal, in Japan aber undenkbar. "In der japanische Gesellschaft finden nahezu alle Aktivitäten in der Gruppe statt", sagt sie. "Sie arbeiten gemeinsam, verbringen ihre Freizeit gemeinsam."

Es war deshalb wohl nur klug, dass sich die blonde Junko diesmal einer Reisegruppe angeschlossen hat, um den Kulturschock etwas abzumildern. Außerdem hat sie daheim einen Französischkurs belegt. Für die Sängerin geht es auf dieser Reise um sehr viel. In Japan nennt sie sich "Euro", eine, die in Europa war, man verehrt sie für ihre Interpretationen der Chansons von Edith Piaf. "Ich finde, dass ich die französische Kultur besser verstehen muss, um Ediths Chansons richtig zu interpretieren", sagt sie und tritt an den Bordstein. Ihr Blick wandert nervös über die Straße.

Junko und ihre Gruppe – viele der Mitreisenden sind Fans von ihr – wollen ins ehemalige Künstlerviertel Montmartre. Fünf Minuten lang stecken sie die Köpfe zusammen und diskutieren: Metro oder Taxi? Sie entscheiden sich gegen die Metro. Da könnte sich schon wieder so eine peinliche Situation ergeben wie eben im Hotel, außerdem haben sie alle das Faltblatt des Konsulats gelesen und fürchten sich ein bisschen.

Nur Sugimoto Akira, ein schmaler Mann um die fünfzig, findet die Skepsis seiner Mitreisenden übertrieben. "Ich habe bisher nur freundliche Franzosen kennengelernt", sagt er, während das Taxi über den breiten Boulevard Haussmann in Richtung Nordosten fährt. Die glänzenden Fassaden der großen Kaufhäuser verschwinden im Rückspiegel. Hinter den Galéries Lafayette werden die Straßen enger und schäbiger. Akira stimmt eine A-capella-Version von C’est si bon an, als wollte er gegen die Masse der Ramsch- und Souvenirläden da draußen ansingen. An der Place du Tertre, wo die Gruppe sich wieder treffen will, rundet er die Taxirechnung von 7,70 Euro großzügig auf zehn Euro auf. Der Chauffeur hat seinen Gesang gelobt.

Auch Junko steigt aus einem Taxi und eilt mit schnellen Schritten auf ein altes Haus zu. Sie legt ihre Hände theatralisch an die Mauer. Ob sich so der Geist jener Zeit aufsaugen lässt, nach der sie sich so sehnt? Das ehemalige Künstlerviertel ist ja längst ein Kunsthandwerkerviertel geworden. Die vielen Porträtmaler rund um den Platz hoffen alle aufs schnelle Geld. Ein Passant schnippt eine aufgerauchte Zigarette vom Finger. Die Kippe landet direkt vor den Japanern. Sie schauen betreten zur Seite. In Tokyo würde das niemand wagen. Paris sei schon ein bisschen schmutzig, kommt Kritik, Reklamezettel im Rinnstein, gebrauchte Servietten, Flaschenkorken.

Doch Junko hat sich offenbar vorgenommen, sich von solchen Kleinigkeiten diesmal nicht aus der Fassung bringen zu lassen. Flink erklimmt sie die Stufen von Sacré Cœur und stimmt gleich ein Chanson an. Und was für eine Überraschung! Der Jongleur hört auf zu jonglieren, der Akkordeonspieler verstummt, die Schaulustigen drängen sich um die blonde Japanerin. Ein Geiger wagt sich heran, Junko diktiert ihm ein e-Moll, und dann schallt Piafs La vie en rose über den Platz. Als der letzte Takt verhallt, legt sie die rechte Hand ans Herz, verbeugt sich zuerst vor dem Geiger, dann vor dem Publikum und schließlich vor der Stadt, die sich unter ihr kilometerweit in der Ebene ausbreitet. Von Pari shôkôgun keine Spur.