Was interessiert mich das Parteiensystem? Interessant ist Politik, wenn sie konkret wird, sind Machtkämpfe, Ideologien und ähnlich saftige Dinge. Überlasst das Parteiensystem den Parteienforschern! Ein völlig berechtigter Standpunkt – solange das Parteiensystem funktioniert, was in Deutschland bisher heißt: zwei Lager, kleine Koalitionen. Wenn das jedoch nicht mehr klappt, dann verändert sich alles – auch die konkrete Politik, die Machtkämpfe und das Denken.

Die Union unternimmt derzeit den kühnen Versuch, das gesamte Parteiensystem neu zu ordnen. Sie möchte nicht nur die letzte Volkspartei bleiben, sondern die erste Hyperpartei werden. Eine Hyperpartei ist eine Partei, die versucht, auf möglichst allen Politikfeldern dauerhaft die Werte, Meinungen und kulturellen Dispositionen der Mehrheit zu vertreten.

Die Union will – alles in allem – den Arbeiterführer stellen (NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers), den werthaltigen Ökologen (Umweltminister Norbert Röttgen), die heilige Johanna der Arbeitslosen (Sozialministerin Ursula von der Leyen), den Theoriechef der Integration (NRW-Minister Armin Laschet), die modernste Familienpolitikerin (die neue Ministerin Kristina Köhler), den liberalen Innenminister (Thomas de Maizière), den schneidigsten Verteidigungsminister seit Helmut Schmidt (Karl Theodor zu Guttenberg) sowie natürlich die Kanzlerin aller Deutschen (Angela Merkel). Während die Union in den vergangenen vier Jahren darum bemüht war, sich selbst so weit zu modernisieren, dass sie die Gesellschaft einholt, so schickt sie sich nun an, die kulturelle Führung zu übernehmen.

Koalitionsfähig will eine solche Partei natürlich mit allen anderen Parteien sein, außer vielleicht mit der Linken. Die Strategie der Union zielt de facto darauf, das Lagersystem durch eine Art Sonnensystem zu ersetzen – mit der schwarzen Sonne in der Mitte.

Ist so viel Veränderung nötig? Warum wurde sie überhaupt möglich? Auf den ersten Blick hat die Bundestagswahl einige Sorgen vor chaotischen Dreierbündnissen und unabwählbaren Großen Koalitionen beruhigt und eine Stabilisierung gebracht: Eine kleine Koalition wurde möglich, daneben werden derzeit sieben Bundesländer von Schwarz-Gelb regiert, eines von Schwarz-Grün, eines von Rot-Grün und eines allein von der SPD. Lediglich in Teilen Ostdeutschlands und im winzigen Saarland funktioniert das alte Parteiensystem nicht mehr.

Auch die Lager schienen sich zu erneuern. Bei den im Mai anstehenden Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen wurde zunächst eine Auseinandersetzung zwischen Schwarz-Gelb auf der einen und dem linken Lager auf der anderen Seite erwartet. Auf den ersten Blick also: Grund zur Entwarnung. Auf den zweiten: Irgendetwas stimmt hier nicht, irgendetwas läuft ganz und gar verkehrt:

Berlin, Bundeshauptstadt. Dort führen sich Schwarze und Gelbe keineswegs auf wie zwei Lagerverwandte, die zusammengehören, eher wie eine Zwangsgemeinschaft auf Zeit, in Streit und Misstrauen verbunden. Insbesondere in der Union sehnen sich viele zurück nach der Großen Koalition. Und noch mehr sehnen sich voraus, hin zu den Grünen. Wie schon 1998, als SPD und Grüne endlich an die Macht kamen, scheint sich zu bewahrheiten, dass Koalitionen erst kommen, wenn ihre heiße Zeit schon vorüber ist. Die heißeste, innigste, beste Zeit für die FDP des Guido Westerwelle und die CDU Angela Merkels war 2005. Perdu.