Andächtig sitzen sie auf den weißen Bänken, Großeltern, Eltern, Kleinkinder. Sie falten die Hände, schließen die Augen und feiern den Nikolausgottesdienst. Da haut der Organist in die Tasten und ruft: »So weit ist es schon, so eine Schweinerei! Der Nikolaus vom Arbeitsamt, er kommt aus der Türkei!«

Er singt das Lied vom Nikolaus, der auf einem Weihnachtsmarkt steht und die Menschen glücklich machen will, mit langem Bart, spitzem Hut und verdächtigem Akzent: »Ey, kommst du, kriegst du Süß von mir! Auch für die Bruder was!« Die braven Bürger im Lied sind entsetzt: »Der Untergang des Abendlandes beginnt schon hier und jetzt!«

Aber die Besucher der katholischen Kirchengemeinde St. Theodor in Köln stimmen nicht in den Abgesang auf das Abendland ein, denn sie wissen: Der echte Nikolaus war Türke. Er stammte aus Myra, einem Dorf der Provinz Antalya.

Pfarrer Meurer lächelt zufrieden und versichert: »Das haben wir uns nicht extra für den Kermani ausgedacht.« Franz Meurer, 59, ist ein schlanker Mann mit feinen Grübchen und einem tröstenden Blick. Besinnlichkeit findet er schön und gut, aber wenn sich die Christen mal wieder vor den Muslimen fürchten, dann muss man das doch ansprechen! Hat nicht in der Schweiz gerade eine Mehrheit gegen neue Minarette gestimmt? Und in Köln stemmt sich eine rechtskonservative Bürgerbewegung gegen den Bau einer Großmoschee. Und in Hessen hatten sich christliche Würdenträger geweigert, gemeinsam mit dem deutschiranischen Schriftsteller Navid Kermani den Hessischen Kulturpreis anzunehmen, weil er sich kritisch zum Kreuz geäußert hatte. Als Kermani den Preis nach einigem Hin und Her Ende November doch noch bekam, reichte er die 11.500 Euro Preisgeld sofort weiter – an die katholische Gemeinde St. Theodor in Köln-Vingst und somit an ihren Pfarrer Franz Meurer. Der lebe, wie Kermani in seiner Dankesrede sagte, den Dialog der Religionen; zu Weihnachten beim Krippenspiel stünden auch muslimische Kinder auf der Bühne, und der örtliche Imam dürfe ein paar Koranverse verlesen.

In der Gemeinde scheint das keinen zu stören. Jeden Sonntag ist die Kirche bis auf den letzten der 500 Plätze besetzt. Ist das so, vielleicht gerade weil ihr Pfarrer bei der Predigt gern deutliche Worte findet? Oder weil es nach dem Gottesdienst Kaffee und Kuchen, Eis und Pizza gibt? »Allet für ömesöns«, wie Meurer auf Kölsch formuliert.

Höhenberg und Vingst, im Kölner Osten gelegen, gelten als schwierige Stadtteile. Hier sind die Häuser entweder graugelb, graublau oder graurot. Hier leben 40 Prozent der Familien vom Staat. Hier stammt jeder dritte Einwohner aus dem Ausland. Der Kuaför Deniz schneidet die Haare, und das Reisebüro Akkuslar lockt auf knallbunten Plakaten mit unbezahlbaren 179-Euro-Träumen.

»Übernäme jäde Abeit«, steht am Schwarzen Brett im Supermarkt.

Mitten in Höhenberg und Vingst hat Pfarrer Meurer das HöVi-Land aufgebaut, in dem es an nichts fehlt: Im Keller der Kirche stapelt sich Kleidung bis unter die Decke, Brettspiele füllen die Regale, es gibt Fahrräder und Süßigkeiten. Wer einen Anzug fürs Vorstellungsgespräch braucht, wird hier fündig, und ein professionelles Bewerbungsfoto gibt’s für 50 Cent dazu. Unter dem Gotteshaus kann jeder einen Führerschein auf dem gemeindeeigenen Gabelstapler machen.