Jens Beck fährt in seinem Audi A6 die Meißner Straße entlang, er nennt sie die Demarkationslinie. Sie ist acht Kilometer lang und teilt Radebeul in arm und reich. Wie ein Kompass zeigt sie an, welche Stellung man in der Gesellschaft der Stadt einnimmt. Deshalb ist eine der ersten Fragen, die in Radebeul gestellt werden, stets: Wohnen Sie oberhalb oder unterhalb der Meißner Straße? Oberhalb bedeutet schön und wohlhabend, unterhalb bedeutet nicht ganz so schön und eher proletarisch. Oben Wein und Villen, unten Einkaufsmärkte und Industrie. Jens Beck arbeitet vorwiegend oben, er verkauft die Villen, er ist Makler.

Beck biegt rechts ab, in Richtung Weinberg. Je höher die Wohnlage, desto höher das Prestige. Der Chef der Tengelmann-Gruppe Erivan Haub besitzt oben ein Haus, der Prinz von Hessen, der Rektor der TU Dresden , auch Kurt Biedenkopf lebte da, als er noch Ministerpräsident von Sachsen war. Oberhalb der Meißner Straße kostet eine Villa je nach Zustand zwischen einer halben und vier Millionen Euro, in München müsste man das Dreifache zahlen. »Hier können Sie sich den Traum von einer Villa schneller erfüllen«, sagt Beck.

Als er das erste Mal in die Stadt kam, im Winter 1990, war Beck von den Villen bezaubert. Sie sahen grau aus, manche waren halb verfallen. Aber er ahnte, was aus ihnen einmal werden könnte. Anfang der Neunziger boomte der Immobilienmarkt im Osten durch günstige Preise und Steuerabschreibungsmodelle. Beck arbeite ein Jahr ohne Pause, dann zog er nach Radebeul. »Durch meinen Informations- und Wissensvorsprung konnte ich hier Dinge im Zeitraffer erreichen, die ich im Westen nie so schnell geschafft hätte.« In seiner Heimat Hamburg war alles schon verteilt.

Radebeul, der Osten, lag vor Jens Beck wie eine riesige leere Bühne. Er musste sie nur noch bespielen.

Die Villen von Radebeul – nichts beschäftigt die Einheimischen mehr. Die Villen beherrschen die Gespräche der Stadt, bisweilen scheinen sie auch das Leben ihrer Bewohner zu bestimmen. Mittlerweile sind sie auch nicht mehr grau, sondern zartrosa, gelb oder hellblau. Manche tragen Namen, als wären sie Menschen. Die Villen sind das Gesicht der Stadt, der Grund, warum Jens Beck und viele andere dorthin gezogen und geblieben sind.

Radebeul am Rande Dresdens, das sind: 33.000 Einwohner, 1200 Bauten unter Denkmalschutz, ein Theater, ein Karl-May- und ein DDR-Museum. Die Stadt liegt im Elbtal, der zweitwärmsten Gegend Deutschlands inmitten des nördlichsten Weinanbaugebietes. Deshalb wird sie das »sächsische Nizza« und seit ein paar Jahren auch das »Millionärsstädtchen« genannt. 250 Millionäre sollen in Radebeul leben, aber niemand weiß, woher die Zahl stammt. Laut Einkommensteuerstatistik gibt es hier nur 43 Menschen, die mehr als eine Viertelmillion im Jahr verdienen. Es sind die Villen, die inzwischen Millionen wert sind. Sie sind das höchste Gut Radebeuls, sie haben den Ort bekannt gemacht. Sie sind die stillen Herrscher der Stadt.

Aus einer Marktanalyse des Immobilienverbands Deutschland geht hervor, dass seit Beginn der Wirtschaftskrise mehr hochwertige Häuser und Wohnungen in besonders schönen Gegenden wie Radebeul verkauft werden. Anstatt ihr Geld den Banken anzuvertrauen oder in Aktien anzulegen, investieren es Vermögende lieber in Häuser und Wohnungen. Das scheint sicherer. Aber was macht die Konzentration auf Immobilien mit einer Stadt? Sind die Villen das Geheimnis von Radebeul? Oder ist alles nur schöner Schein?

Jens Beck ist wieder zurück auf der Meißner Straße, der Demarkationslinie, er fährt vorbei an einem Autohaus mit Fensterscheiben, die bis zum Boden reichen. Dahinter parken Rolls-Royce, Ferrari, Aston Martin und Maserati. Es ist die einzige Rolls-Royce-Niederlassung in Ostdeutschland. Manchmal kommen Menschen vorbei, nur um sich in eine der Ausstellungshallen zu setzen und sich am Anblick der Luxuswagen zu weiden.

Jens Beck stoppt seinen Audi vor einer Villa oberhalb der Meißner Straße. Vor ein paar Wochen ist er dort eingezogen. Nach 18 Jahren Recherche hat er nun auch etwas für sich selbst gefunden. »Das ist die Mentalität der Deutschen, sie wollen gern Häuser haben«, sagt Beck. Wie viel er für das Haus bezahlt hat, mag er nicht sagen. Die Villa hat einen kleinen Turm, einen riesigen Garten, Handwerker haben in ihrem Inneren gerade Wandmalereien freigelegt. Bis zum Ende der Renovierung wohnt Beck mit seiner Frau und seinem wenige Wochen alten Sohn unterm Dach. Beck ist jetzt 43, er sagt: »Für mich ist die Lebensqualität hier höher als in Hamburg. Im Elbtal, das ist die heile Welt.«