Alle Fotos, die wir hier zeigen, haben zweierlei gemeinsam. Es sind prägende Bilder des Jahres 2009. Und es sind Paparazzi-Fotos: Erjagt, erbeutet in Momenten, in denen die fotografierten Prominenten sich unbeobachtet wähnten – so lautet die klassische Definition dessen, was der Paparazzo tut. Zumindest sind es Bilder nach Paparazzi-Art: der Blick durch die Scheibe als Stilmittel. Oft schlecht belichtet, schlecht komponiert, unscharf oder sonst wie unperfekt, aber darum geht es nicht.

Es geht um den allzu menschlichen Wunsch, einmal hinter die glatten Fassaden zu schauen. Einen Blick durchs Schlüsselloch auf das wahre Geschehen im Oval Office zu erhaschen, auf einen ungeschminkten Moment im Kanzleramt oder im Leben von Klinsmann. Ist doch egal, ob das Foto perfekt ausgeleuchtet ist oder ein verwackelter Schnappschuss.

Mehr noch, gerade das Rohe, Grobkörnige schafft die Aura, die uns hinschauen lässt – das in flagranti ertappte todmüde oder entgleiste Gesicht des eben gestürzten Ministers bezeugt den Echtheitsbonus, den wir diesen Bildern gewähren gegenüber den immerschönen Inszenierungen, die uns Werbung, Politik und Glamourwelt täglich liefern. Gerade die schlechten Fotos sind die guten, weil sie die wahren sind. So empfinden wir es.

Hier kommt die Scheibe ins Spiel, die große, riesengroße Glasfront, unverzichtbares Element heutiger Staats-, Konzern- und Kulturbauten. Moderne Architektur liebt diesen Werkstoff. Glas als transparentes Kleid der Macht, als Ausweis demokratischer Gesinnung – siehe das Kanzleramt in Berlin. Sind aber die Vitrinen erst einmal da, wollen sie gefüllt sein mit dramatischen Szenen, Bildern. Das waren sie 2009, dem Jahr weltbewegender Trauerfälle – Michael Jackson starb, Robert Enke nahm sich das Leben; dem Jahr schicksalhafter Verhandlungen und Krisensitzungen.

So richtig wirkt der Blick durch die Scheibe erst bei Nacht, wenn es draußen dunkel ist und drinnen hell und man so schön hineinfotografieren kann. Wie von Zauberhand werden die demokratischen Gucklöcher, die sie laut Theorie sein sollten, nun zu Schaufenstern der Macht. Wir draußen sehen die im Licht stehen. Wir an Bildschirmen und Monitoren im Land – wir alle sind jetzt Paparazzi. Wir sehen die Bundeskanzlerin im Schicksalsmoment, und zwar so, wie sie gesehen werden möchte: Angela Merkel und ihr Kabinett, zu nachtschlafender Zeit um eine Lösung für Opel ringend – ist das nun ein wahrer Moment oder ein gewollter oder beides?