An einem Dezembermorgen sitzt Antje Hermenau fluchend an ihrem Schreibtisch im Dresdner Landtag. Sie macht aus ihrer schlechten Laune keinen Hehl, kommandiert in forschem Ton ihre Assistentin und gibt dem Besucher zu verstehen, dass das an ihrem Arbeitsstil keineswegs das Ungewöhnlichste ist.

Nachdem die Grünen jüngst den Wiedereinzug in Sachsens Parlament mit 6,4 Prozent der Stimmen erreicht haben, stehen ihnen nun im Landtag mehr Büros als in der vorigen Legislatur zu. Darüber ist ein Streit mit der Linkspartei entbrannt. Denn die müsste, besteht Hermenau auf den für ihre Fraktion vorgesehenen Büros, ihren Flur fortan mit der NPD teilen. Und darauf haben die Postsozialisten verständlicherweise keine Lust.

Es tobt ein Kleinkrieg, das ewige Hin und Her geht Antje Hermenau auf die Nerven. Sie hat Wichtigeres zu tun. Die laut einer Umfrage zweitbeliebteste Politikerin Sachsens will bereits in der nächsten Woche einen Ostgipfel der Grünen einberufen. Nach 15-jähriger Pause sitzt die Partei wieder in drei Parlamenten im Osten – außer in Sachsen auch in Brandenburg und Thüringen. Hermenau will den Kollegen aus den anderen beiden Ländern ein wenig Starthilfe geben. Aber sie hat noch mehr im Sinn: Ihr geht es um nichts Geringeres, als ihre noch immer stark westdeutsch geprägte 68er-Partei aus den östlichen Ländern heraus zu erneuern. »Das innerpolitische Klima in Berlin ist vergiftet«, meint Hermenau über die Bundesspitze, und schon wieder erschrickt man über die Direktheit dieser Frau.

Wer grün wählt, muss nicht länger links sein

Ihr Plan ist, gelinde gesagt, größenwahnsinnig. In Thüringen lag das Wahlergebnis bei 6,2 Prozent; in Brandenburg bei 5,6 Prozent. Das reicht, verglichen mit westdeutschen Landtagen, nicht einmal an Mittelwerte heran. Andererseits aber ist die Offensive von Hermenau zu interessant, um sie mit dem Blick auf die bloßen Zahlen vom Tisch zu wischen. In ihr bündeln sich politische Einsichten und persönliche Ambitionen. Einerseits hat die 45-Jährige in den zurückliegenden fünf Jahren, die sie nunmehr ausschließlich in Sachsen Politik macht, erkannt, dass »der Aufbau Ost als Nachbau West« gescheitert sei. Andererseits hat die Partei sie, als sie noch deren haushaltspolitische Sprecherin im Bundestag war, oft genug als Außenseiterin abgetan. Man hat sie mit ihren ostdeutschen Ansichten und der unverstellten Art, wie sie auftritt, zu isolieren versucht. Nicht zuletzt deshalb ist sie nach Dresden zurückgegangen. Nun hat sie mit den Künasts, Trittins und Roths, salopp gesagt, noch eine Rechnung offen.

Die von den Westgrünen in den achtziger Jahren angestoßene Modernisierung, so Hermenau, sei nun, da es »mit Guido Westerwelle einen homosexuellen Außenminister, mit Cem Özdemir einen Grünen-Parteichef mit Migrationshintergrund und mit Angela Merkel eine Frau als Kanzlerin gibt«, erfolgreich in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Die Kernfragen ökologischer Politik aber stellten sich drängender als je zuvor – ohne dass es in der Berliner Parteizentrale jemanden gäbe, der in der momentanen Krise der Sozialdemokraten mit dem Erstarken der Linkspartei wüsste, »wo es mit den Grünen hingehen soll«. Antje Hermenau betont, dass diese Fragen endlich unabhängig von politischer Lagerzugehörigkeit gestellt werden müssten. Anders formuliert: Wer grün wählt, muss nicht länger links sein.

Gerade im Osten glaubt sie sich dabei von einer Wählerschaft getragen, die die alten Gesinnungsfragen bundesrepublikanischer Provenienz nicht mehr interessieren. Und ein Phänomen wie die 22,3 Prozent Direktstimmen bei der Landtagswahl in der Dresdner Neustadt gibt ihr recht. In den urbanen Zentren des Freistaates hat sich eine wachsende Klientel gut ausgebildeter und für ostdeutsche Verhältnisse besserverdienender Wähler gebildet, für die, so Hermenau, die sonstigen politischen Eliten Sachsens selten den richtigen Ton treffen.

Und tatsächlich: Auf dem sächsischen Parkett ist Antje Hermenau eine Ausnahmepolitikerin. Das gestehen ihr selbst die politischen Gegner zu. Neben Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU), der einige Jahre dem Europaparlament angehörte, ist sie die Einzige, die überregional politisch tätig war. Steffen Flath, der CDU-Fraktionsvorsitzende, bescheinigt ihr, die beste Debattenrednerin des Landtages zu sein. Auf die Frage, ob ihm ein weiterer Abgeordneter mit ihrem Talent einfiele, stockt er und weicht dann aus: »Da müsste ich erst einmal das Abgeordnetenbuch durchblättern.«