Betrüblicherweise bin ich kein Sachse, sondern friste mein Leben in der Köterstadt Berlin. Glücklicherweise durfte ich jahrelang sächsisch leben, am Erzgebirge und in Leipzig, wohin ich 1975 zog, um Theologie zu studieren. Dort spürte man sehr deutlich die Nachbeben einer Barbarei. 1968 hatten SED-Chef Ulbricht und sein Provinzkommandant Fröhlich vollbracht, was die Weltkriegsbomben nicht vermochten, und gegen alle Proteste die Universitätskirche St. Pauli sprengen lassen. Etliche Protestanten landeten im Gefängnis.

Das Leipziger Theologische Seminar war eine kircheneigene Hochschule. Der Staat beargwöhnte, aber duldete sie. Nach den Paulinerkirch-Protesten wurde dem Seminar ein Volkshochschuldozent für Marxismus-Leninismus aufgezwungen. Genosse Fiechtner erwies sich als sächsischer Schwejk. "Hörnse druff", sprach er, "lassense mich in Ruhe, dann hamse och Ruhe." Bei Klausuren sah er demonstrativ aus dem Fenster, dafür erzählte er brüllkomische "Schtorries" seiner "Garrjähre" als Entwicklungshelfer bildungsunwilliger Sechstklassenabgänger. Ein Urviech. Wir jauchzten.

2004 traf ich den Genossen wieder. Er beichtete seinen unerfüllten Jugendtraum: Kunstkritiker werden, ein Friedrich Luft von der Pleiße. Überdies sei er heimlich zur Kirche gegangen – im Urlaub oder an Heiligabend in St. Nikolai. Nach der Wende habe er mit seinem Christsein Frieden schließen können.

Das Schönste kam zum Schluss (nun, da er nicht mehr lebt, darf ich es schreiben). Den ML-Kurs, sprach er, habe er den Theologen nur Geldes halber erteilt, weil er Alimente zahlen musste, und keinen Monat länger. Dem Nachfolger gestand er die unmarxistischen Gründe. "Da sachte der: Was gloobste, warum ich das mache."