Gehen wir mal davon aus, dass fast alles, was uns schön erscheint, symmetrisch ist. Das fing früh an. Lange bevor es überhaupt ein ästhetisches Empfinden gab, war die Symmetrie schon entwickelt. Sie ist ein fester Bestandteil des Äußeren der allermeisten Tiere – Seeigel und Seesterne etwa sind symmetrisch aufgebaut. Das Äußere des Lebewesens besteht aus zwei scheinbar identischen Hälften.

Auch in wissenschaftlichen Experimenten wird immer wieder festgestellt, dass Probanden ein Gesicht umso harmonischer finden, je symmetrischer es ist. Das weiß ein jeder, der schon einmal mit einer temporären Asymmetrie zurechtkommen musste, etwa durch Gewalteinwirkung auf das Gesicht. Wer mit schiefem Antlitz durchs Leben gehen muss, findet schwerer einen Sexualpartner. Also vermehren sich nur die Ebenmäßigen. 

Doch so einfach ist das alles nicht. Sonst könnte kaum der Fall sein, was zurzeit auf vielen Laufstegen und in etlichen Boutiquen zu sehen ist. Asymmetrie, Asymmetrie, Asymmetrie! Elie Saab präsentierte auf den Pariser Modewochen Kleider mit aufwendigen Applikationen – aber nur einem Ärmel. Olivier Theyskens entwarf für Nina Ricci eine rote Robe mit asymmetrischer Schleppe. Auch Akris und Christian Lacroix lassen bei Kleidern, Tops und Tuniken Schultern blitzen.

Die Störung im System ist eben reizvoller als das Perfekte. Eine Frau, die ein Kleid trägt, das nur einen Ärmel hat, zieht Fragen – und Blicke – auf sich: Was ist mit ihr passiert? Und was könnte noch mit ihr passieren? Ein asymmetrisches Kleid ist wie ein verrutschter Spaghettiträger. Ein Rock mit schiefem Saum schwingt in einer Weise, die der Bewegung seiner Trägerin etwas Extrovertiertes gibt. 

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Ähnlich extravagant wie in der Mode kommt die Asymmetrie übrigens auch in der Natur vor. Es gibt Winkerkrabben, die eine übergroße Zange schwenken, um die Weibchen auf sich aufmerksam zu machen. Und es gibt Tiere wie den Schiefschnabelregenpfeifer – einen sowohl in seinem Verhalten als auch in seinem sonstigen Aussehen durch und durch unauffälligen Vogel mit asymmetrischem Schnabel. Und dann wäre da noch die Schnecke, der erfolgreichste Asymmet. Angesichts dieser Beispiele ist es vielleicht ganz gut, dass die Asymmetrie jetzt wieder einmal von der Mode entdeckt wurde. Einfach hübscher.